Bildung im Islam: Was muslimische Eltern in Deutschland wissen sollten
Die erste Offenbarung war ein Befehl zu lesen, gerichtet an einen Einzelnen. Was daraus für Eltern folgt, wie es an deutschen Schulen wirklich aussieht, in welchen Ländern es islamischen Religionsunterricht gibt und warum Bildung in dieser Tradition immer selbst getragen wurde.
Jedes Jahr im Spätsommer werden in Deutschland rund 830.000 Kinder eingeschult. In den Schaufenstern hängt seit Wochen „Back to School", und gemeint sind Ranzen, Hefte und Federmappen. Die Kinder bekommen eine Schultüte, ein Foto vor der Tafel, und dann beginnt etwas, das über den Rest ihres Lebens mitentscheidet. Für muslimische Familien lohnt sich in dieser Woche ein Blick auf zwei Dinge: darauf, was die eigene Religion über Wissen sagt, und darauf, was die Zahlen über die deutschen Klassenzimmer sagen.
Zwischen beidem liegt ein Gedanke, der alles Weitere zusammenhält. Bildung ist im Islam nie etwas gewesen, das man abgibt. Nicht an den Lehrer, nicht an die Schule, nicht an den Staat. Sie wurde immer von denen getragen, die sie brauchten, von Eltern und von Gemeinden. Wer das einmal gesehen hat, liest auch die deutschen Schulstatistiken anders.
Das erste Wort war „Lies"
In der Höhle Hira, im Jahr 610, trifft den Propheten Muhammad die erste Offenbarung. Sie handelt nicht vom Gebet, nicht vom Fasten, nicht von Almosen. Sie beginnt mit einem Befehl:
Lies im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einem Anhängsel. Lies, und dein Herr ist der Edelste, Der das Schreiben mit dem Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste.
Sure 96, Verse 1 bis 5
Das Bemerkenswerte daran: Der Angesprochene konnte nicht lesen. Die Aufforderung stand also am Anfang, bevor die Fähigkeit da war. Und sie nennt im selben Atemzug das Schreibrohr, also das Werkzeug, mit dem Wissen über Generationen hinweg haltbar wird.
Angesprochen ist ein einzelner Mensch. Von einer Einrichtung, die das für ihn übernimmt, ist nicht die Rede. Das bleibt in dieser Tradition lange so: Wissen hängt an Personen, an Lehrern und an Eltern, und wird von ihnen weitergegeben.
Der Koran kennt nur eine einzige Bitte, zu der er ausdrücklich auffordert, mehr davon zu erbitten. Es geht nicht um Gesundheit und nicht um Besitz:
Und sag: Mein Herr, lasse mich an Wissen zunehmen.
Sure 20, Vers 114
Was die Überlieferung daraus gemacht hat
Aus diesem Anfang ist eine Haltung geworden, die in den Überlieferungen immer wiederkehrt. Drei Sätze reichen, um sie zu fassen.
Wissen zu suchen ist Pflicht. Überliefert von Anas ibn Malik: „Das Streben nach Wissen ist Pflicht für jeden Muslim." (Sunan Ibn Madscha 224; dieser Satz ist über mehrere Wege authentisch belegt, der Rest der dortigen Überlieferung nicht.) Der Satz nennt keine Einschränkung auf Männer und keine auf Gelehrte. Wie weit „Wissen" hier reicht, haben die Gelehrten unterschiedlich beantwortet: Unstrittig gemeint ist, was jeder für seine Religionspraxis braucht. Die klassische Unterscheidung stellt daneben das Wissen, das die Gemeinschaft insgesamt beherrschen muss, etwa Medizin oder Handwerk. Verpflichtend ist beides, das zweite für die Gemeinschaft als Ganzes.
Der Weg selbst zählt.
Wer einen Weg beschreitet, um darauf Wissen zu suchen, dem macht Allah dadurch einen Weg zum Paradies leicht.
Sahih Muslim 2699
Der Weg, nicht der Abschluss. Ob auch der Schulweg eines Zehnjährigen unter diese Verheißung fällt, ist eine Auslegungsfrage, über die sich streiten lässt; die Überlieferung spricht vom Suchen des Wissens und nennt keine Schulform. Nüchtern festhalten lässt sich: Gewertet wird die Mühe, nicht die Note.
Wissen überdauert den Tod. Von den Dingen, die nach dem Sterben weiterwirken, nennt die Überlieferung ausdrücklich das Wissen:
Wenn der Mensch stirbt, endet sein Wirken, bis auf drei Dinge: eine fortlaufende Sadaqah, Wissen, von dem Nutzen gezogen wird, oder ein rechtschaffenes Kind, das für ihn bittet.
Sahih Muslim 1631
Eines der drei Dinge ist unmittelbar Bildung, nämlich das Wissen, von dem Nutzen gezogen wird. Ein zweites hängt an der Erziehung, denn ein Kind, das für seine Eltern bittet, ist eines, das dazu angeleitet wurde. Wer einem Kind Lesen beibringt, legt also etwas an, das auch dann noch wirkt, wenn niemand mehr den Namen des Lehrers kennt. Das ist der Gedanke hinter der Sadaqah Jariyah. Auch hier steht am Ende kein Amt, sondern einer, der etwas weitergegeben hat.
Was die Gelehrten daraus gemacht haben
Aus diesen Sätzen ist über tausend Jahre hinweg eine eigene Literatur entstanden. Die folgenden drei Gelehrten stehen stellvertretend für sehr viel mehr. Ausgewählt sind sie, weil sie unmittelbar über Kinder und über Unterricht schreiben, nicht weil sich eine tausendjährige Tradition mit drei Namen abbilden ließe.
Al-Ghazali: Das Kind ist ein anvertrautes Gut
Abu Hamid al-Ghazali, gestorben 1111, hat über Kinder den Satz geschrieben, der von allem, was hier steht, am längsten nachhallt. Er findet sich in seinem Hauptwerk, der Wiederbelebung der Religionswissenschaften, im Buch über die Schulung der Seele:
Das Kind ist ein Gut, das seinen Eltern anvertraut ist. Sein reines Herz ist ein kostbarer, ungeschliffener Edelstein, ohne Form und ohne Gravur. Es nimmt jede Gestalt an, in die man es schneidet, und es neigt sich dorthin, wohin man es lenkt.
Ihya Ulum ad-Din, Buch 22, Abschnitt über die Erziehung der Kinder
Al-Ghazali denkt den Vergleich zu Ende, und dort wird er unbequem. Gewöhnt man das Kind an das Gute und unterrichtet es darin, so wächst es damit auf und findet Glück in dieser Welt und in der kommenden. Lässt man es laufen wie ein Tier, trägt den Schaden am Ende nicht nur das Kind, sondern auch der, dem es anvertraut war.
Der erste Schultag ist genau der Tag, an dem ein Teil dieses Schleifens an andere übergeht: an Lehrer, an Mitschüler, an Bildschirme. Was davon am Kind haften bleibt, entscheidet sich trotzdem weiter zu Hause.
Ibn Taimiyya und Ibn al-Qayyim: Der Satz, der Eltern trifft
Ibn Taimiyya, gestorben 1328, und sein Schüler Ibn al-Qayyim, gestorben 1350, stehen für eine Richtung, die Wissen streng am Beleg misst und danach fragt, was es beim Menschen bewirkt. Ibn al-Qayyim hat dem Wissen ein ganzes Werk gewidmet, den Schlüssel zum Haus des Glücks, in dem er den Vorrang des Wissens vor dem Besitz entfaltet.
Für Eltern steht sein härtester Satz aber in einem anderen Buch, in seiner Schrift über das neugeborene Kind:
Wer es versäumt, seinem Kind das beizubringen, was ihm nützt, und es sich selbst überlässt, der hat ihm das größte Unrecht angetan. Das Verderben der meisten Kinder kommt von den Eltern und daher, dass sie sie vernachlässigt und ihnen die Pflichten der Religion nicht beigebracht haben. Sie haben sie klein vernachlässigt, und deshalb haben diese Kinder weder sich selbst genützt noch später ihren Eltern.
Ibn al-Qayyim, Tuhfat al-Maudud bi-Ahkam al-Maulud, Seite 185
Das ist keine Ermahnung zu mehr Nachhilfe. Es ist die Feststellung, dass Erziehung als Bringschuld der Eltern gilt und dass ein Versäumnis darin kein kleines ist.
Ibn Chaldun: Härte im Unterricht schadet dem Kind
Ibn Chaldun, gestorben 1406, hat als Erster versucht, Geschichte und Gesellschaft nüchtern zu erklären. In seiner Einleitung, der Muqaddima, steht ein kurzer Abschnitt über den Unterricht, und die Überschrift ist bereits das Ergebnis: Strenge gegen die Schüler schadet ihnen.
Strenge Bestrafung im Unterricht schadet dem Schüler, besonders den kleinen Kindern. Wer unter Zwang und Willkür aufwächst, wird davon überwältigt. Es lässt ihn sich unterdrückt fühlen und raubt ihm die Tatkraft. Es macht ihn träge und verleitet ihn dazu, zu lügen und unaufrichtig zu sein, weil er fürchtet, für die Wahrheit bestraft zu werden. So werden ihm Täuschung und List beigebracht, und beides wird ihm zur Gewohnheit und zum Charakter.
Muqaddima, Kapitel 6, Abschnitt 39
Geschrieben ist das über die Lehrstuben des 14. Jahrhunderts. Es ist bis heute die knappste Beschreibung dessen, was Angst mit dem Lernen macht. Ein Kind, das vor einem Fach Angst hat, lernt nicht das Fach, es lernt die Angst. Das gilt am Küchentisch bei den Hausaufgaben genauso wie im Klassenzimmer.
Heute: Was aus den Schulen wurde
Die Gegenwart hat dieser Tradition eine Frage hinzugefügt, die vorher niemand stellen musste: Warum ist aus einer Zivilisation, in der Bildung Gottesdienst war, in vielen Ländern ein Bildungssystem geworden, das seine eigenen Kinder verliert? Das Yaqeen Institute hat dazu mit All That We Lost eine ausführliche Untersuchung vorgelegt, die den Bruch in der Kolonialzeit verortet, als die alten Lehranstalten ihre Finanzierung über die Stiftungen verloren. Damit ist auch gesagt, woran diese Ordnung zerbrach: nicht am Willen zur Bildung, sondern daran, wer sie trägt.
Praktischer wird es bei der Frage, wie muslimische Kinder heute aufwachsen sollen. Dazu gibt es inzwischen eigene Arbeiten, etwa Building Resilience von Najwa Awad und Sarah Sultan, die Erziehungsforschung und islamische Quellen zusammenbringen.
Wie es in Deutschland tatsächlich aussieht
So weit der Anspruch, von der Höhle Hira bis in die Kinderzimmer von heute. Jetzt die Wirklichkeit in den deutschen Klassenzimmern, und die ist unbequem.
2024 verließen 791.663 junge Menschen die allgemeinbildenden Schulen. 62.035 von ihnen gingen ohne jeden Abschluss. Gemessen an der gleichaltrigen Bevölkerung sind das 8,0 Prozent, gut zwei Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor. Die Quote steigt, sie sinkt nicht.
Zwischen den Ländern liegen 6 bis 14 Prozent. Zwischen den einzelnen Kreisen und kreisfreien Städten sind es 2 bis 21 Prozent. Wo ein Kind zur Schule geht, schlägt statistisch also schwer zu Buche.
Was sich über muslimische Kinder wirklich sagen lässt
An dieser Stelle wird in vielen Texten aus einer Migrationsstatistik eine Aussage über Muslime. Das geht nicht, und deshalb steht hier offen, was die Daten hergeben und was nicht. Die deutsche Schulstatistik erfasst keine Religionszugehörigkeit. Wer über muslimische Schüler schreibt, arbeitet mit Hilfsgrößen, und die sind nicht dasselbe.
| Frage | Wird das erhoben? | Was sich belegen lässt |
|---|---|---|
| Schulabschlüsse nach Religion | Nein | Die Statistik kennt Staatsangehörigkeit und Einwanderungsgeschichte, nicht den Glauben. |
| Unterschiede nach Einwanderungsgeschichte | Ja | Sie verringern sich deutlich, sobald die soziale Herkunft berücksichtigt wird. Das hält der nationale Bildungsbericht 2026 ausdrücklich fest. |
| Teilnahme am islamischen Religionsunterricht | Ja, über die Länder | Mindestens 81.000 Schüler im Schuljahr 2024/25. |
| Zahl muslimischer Schüler | Nur geschätzt | Mehr als eine Million, nach Angaben des Mediendienstes Integration. |
| Besuch von Schulen in freier Trägerschaft | Nach Staatsangehörigkeit | 10 Prozent der Schüler mit deutscher, 4 Prozent mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft, Schuljahr 2024/25. |
Wer also liest, muslimische Kinder schnitten schlechter ab, liest in Wahrheit eine Statistik über Einwanderungsgeschichte, und die erklärt sich zu großen Teilen über das Einkommen und den Bildungsabschluss der Eltern, nicht über den Glauben. Das macht die Sache nicht harmloser. Es verschiebt nur, wo man ansetzen muss.
Der Abstand entsteht vor der Schule
Der nationale Bildungsbericht 2026, der alle zwei Jahre erscheint und diesmal die Bildungsungleichheit in den Mittelpunkt gestellt hat, benennt den Punkt, an dem es anfängt. Er liegt nicht in der Schule. Schon mit zwei Jahren verwendeten Kinder von Müttern mit niedrigem Bildungsabschluss im Mittel 97 Wörter, bei mittlerem Abschluss 138 und bei hohem Abschluss 159. Was dort auseinandergeht, holt die Schule später nur teilweise auf.
Die Länder haben für den Bericht 347 Maßnahmen gegen Bildungsungleichheit gemeldet. Die Autoren halten dagegen, dass diese Maßnahmen meist nebeneinander stehen, einzelne Abschnitte betreffen und selten die ganze Bildungskette im Blick haben.
Anders gesagt: Auf den Staat allein zu warten, ist keine Strategie.
Und die Schule für muslimische Kinder?
An dieser Stelle kommt bei muslimischen Eltern fast immer dieselbe Frage: Muss mein Kind das alles in einer Schule erleben, in der von seinem Glauben nichts vorkommt außer im Zusammenhang mit schlechten Nachrichten?
Die Antwort hat zwei Teile: was der Staat anbietet, und was die Gemeinden selbst auf die Beine stellen.
Der Religionsunterricht wächst, aber langsam. In elf Bundesländern gibt es inzwischen islamischen Religionsunterricht oder ein vergleichbares Angebot an öffentlichen Schulen. Im Schuljahr 2024/25 nahmen daran mindestens 81.000 Schüler teil, 2015/16 waren es noch rund 43.000. In Nordrhein-Westfalen läuft das Fach an 247 Schulen. Dem gegenüber stehen mehr als eine Million muslimische Schüler in Deutschland. Rechnerisch erreicht das Angebot damit etwa jeden zwölften. In Thüringen, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gibt es das Fach gar nicht.
| Bundesland | Islamischer Religionsunterricht | Abgänge ohne Abschluss 2024 |
|---|---|---|
| Baden-Württemberg | Ordentliches Lehrfach seit 2019 | 6,9 % |
| Bayern | Wahlpflichtfach seit 2021/22, staatlich verantwortet | 6,1 % |
| Berlin | Seit 2001, erteilt von einer islamischen Gemeinschaft, kein ordentliches Fach | 10,0 % |
| Brandenburg | Kein Angebot | 8,0 % |
| Bremen | Staatliche Religionskunde für alle, kein eigenes Fach | 11,0 % |
| Hamburg | Gemeinsamer „Religionsunterricht für alle" seit 2023/24 | 6,6 % |
| Hessen | Staatliche Islamkunde und bekenntnisorientierter Unterricht | 6,2 % |
| Mecklenburg-Vorpommern | Kein Angebot | 10,0 % |
| Niedersachsen | Ordentliches Lehrfach | 9,0 % |
| Nordrhein-Westfalen | Modellversuch an 247 Schulen (2025/26) | 7,9 % |
| Rheinland-Pfalz | Als ordentliches Lehrfach vereinbart, Verträge von Dezember 2024 | 8,9 % |
| Saarland | Modellversuch an vier Grundschulen, verlängert bis 2027 | 10,3 % |
| Sachsen | Kein Angebot | 8,2 % |
| Sachsen-Anhalt | Kein Angebot | 14,3 % |
| Schleswig-Holstein | Staatlicher Islamkundeunterricht an Grundschulen seit 2013 | 9,6 % |
| Thüringen | Kein Angebot | 10,1 % |
Zusammengestellt aus den Länderangaben beim Mediendienst Integration und den Abgangsquoten aus Bildung in Deutschland 2026, Tabelle D8-2web. Ein Zusammenhang zwischen beiden Spalten lässt sich daraus nicht ableiten; sie stehen nebeneinander, weil Eltern beides betrifft.
Eigene Schulen sind erlaubt und trotzdem fast nicht vorhanden. Das Grundgesetz gestattet Schulen in freier Trägerschaft ausdrücklich, auch mit religiöser Prägung. Muslimische Träger haben davon bisher kaum Gebrauch machen können: Es fehlt an der Anerkennung als Religionsgemeinschaft, an Trägerstrukturen und vor allem am Geld für die ersten Jahre, in denen eine neue Schule sich selbst finanzieren muss. Die bekannteste Ausnahme ist die Islamische Grundschule in Berlin-Neukölln, gegründet 1989, heute rund 300 Kinder. Sie gibt es, weil eine Gemeinschaft sie über fünfunddreißig Jahre selbst getragen hat, nicht weil eine Behörde sie eingerichtet hätte.
Auch beim Zugang zu bestehenden Privatschulen zeigt sich ein Abstand: Im Schuljahr 2024/25 besuchten 10 Prozent der Schüler mit deutscher Staatsbürgerschaft eine Schule in freier Trägerschaft, aber nur 4 Prozent der Schüler mit nichtdeutscher.
Was in der Zwischenzeit im Unterricht passiert, hat die Theologin Zeyneb Sayılgan in der Islamischen Zeitung an ihrer Tochter beschrieben. Die Fünftklässlerin sah im Unterricht ein Video über den 11. September und kam erschüttert nach Hause: Menschen, die sich Muslime nannten, hatten das getan. Der Appell der Mutter richtet sich nicht gegen den Unterricht über Terror, sondern gegen das, was daneben fehlt:
Was entgeht ihnen, wenn sie nichts über muslimische Werte oder die reiche Geschichte des interreligiösen Dialogs erfahren?
Zeyneb Sayılgan, Islamische Zeitung
Man kann darauf warten, dass ein Ministerium das ändert. Interessanter ist, was muslimische Gemeinden längst ohne Ministerium machen: Wochenendschulen, Hausaufgabenhilfe im Gemeinderaum, Nachhilfe von Studenten für Zehntklässler, Koranunterricht am Samstagmorgen, Lerngruppen vor dem Abitur.
Das ist keine Notlösung, sondern die ältere Form. Die großen Lehranstalten der islamischen Geschichte waren keine Staatsschulen. Sie standen auf Stiftungen, auf dem Waqf einzelner Leute, die ein Haus, ein Feld oder einen Laden dauerhaft dem Unterricht überschrieben. Genau deshalb konnten sie Jahrhunderte überdauern und waren für die Schüler kostenlos. Auch Herrscher haben solche Lehranstalten gegründet, aber sie taten es als Stifter: Das Vermögen ging in einen Waqf über und war damit dem Zugriff der Politik entzogen. Selbstorganisation ist in dieser Tradition also nicht der Notnagel, sondern der eingeübte Weg.
Was sie heute braucht, ist nicht mehr der eine Stifter mit Landbesitz, sondern viele Leute, die sich an derselben Sache beteiligen.
Was Muslime in Deutschland längst selbst aufgebaut haben
Wer wissen will, ob das trägt, muss nicht ins zwölfte Jahrhundert schauen. Es genügen die letzten fünfzig Jahre in Deutschland.
Rund 2.600 muslimische Gemeinden gab es hier im Jahr 2022. Die allermeisten haben ihre Räume in ehemaligen Fabriken, Wohnhäusern und Ladenlokalen eingerichtet, Stück für Stück, aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und sehr viel unbezahlter Arbeit. An diesen Räumen hängt fast überall mehr als das Gebet: Hausaufgabenhilfe, Jugendarbeit, Sprachkurse, Beratung, Angebote für Ältere. Öffentliche Mittel bekommen dafür nur neun Prozent der Gemeinden. Alles andere tragen sie selbst.
Ein zweites Beispiel ist kaum bekannt und steht dem in nichts nach. 2012 gründeten vier Leute das Avicenna-Studienwerk, ein Stipendienwerk für muslimische Studierende. Ein Jahr später wurde es als dreizehntes Begabtenförderungswerk in Deutschland anerkannt, im Wintersemester 2014/15 nahm es die ersten 65 Stipendiaten auf, 2024 war die tausendste geförderte Person erreicht. Angefangen hat es nicht mit einem Programm, sondern mit einer Idee und mit Leuten, die sie durchgehalten haben.
Zusammengenommen ergibt das ein Bild, das in den Debatten über Muslime in Deutschland selten vorkommt: eine Gemeinschaft, die ihre Einrichtungen selbst baut, selbst bezahlt und selbst verantwortet. Bildung ist dabei der Bereich, in dem sich der Einsatz am längsten hält, weil sie das Einzige ist, was ein Kind auf jeden Fall behält.
commonsplace steht für Bildung
Genau dafür ist commonsplace gebaut: Gemeinden, Vereine und Familien finanzieren ihre Vorhaben selbst und öffentlich, von Unterrichtsräumen über Lernmaterial bis zur Ausbildung. Keine Antragsformulare, keine Behörde, die zustimmen muss, sondern die eigene Gemeinschaft, die mitzieht. Wer so etwas vorhat, kann sein Crowdfunding-Projekt starten oder erst einmal ansehen, was gerade läuft.
In eigener Sache: commonsplace ist eine deutsch-muslimische Crowdfunding-Plattform und gibt diesen Blog heraus.
Wo es sich zu Hause entscheidet
Getragen wird zuerst zu Hause, und zwar lange bevor eine Schule ins Spiel kommt.
Wenn der Abstand beim Wortschatz mit zwei Jahren beginnt, dann liegt dort auch der Hebel, und nicht im Nachhilfeinstitut der achten Klasse. Der Bildungsbericht führt die frühen Unterschiede ausdrücklich auf das Anregungsverhalten zu Hause zurück: Je mehr ein Kind mit zwei Jahren angesprochen wird, desto größer sein Wortschatz. Vorlesen und Sprechen kosten nichts, in welcher Sprache auch immer, gern in der Muttersprache. Ein Kind, das zu Hause reiche Sprache hört, lernt auch in der zweiten Sprache leichter.
Al-Ghazalis Bild vom ungeschliffenen Stein meint genau diesen Teil. Geschliffen wird nicht nur im Unterricht, sondern in den Stunden davor und danach: daran, ob zu Hause gelesen wird oder der Fernseher läuft, ob über den Schultag gesprochen wird oder nicht, ob ein Kind erlebt, dass die Erwachsenen um es herum selbst noch etwas lernen wollen.
Und Ibn Chalduns Warnung meint den Ton. Ein Kind, das für eine schlechte Note Angst haben muss, verbirgt die nächste. Wer wissen will, wie es in der Schule wirklich läuft, muss es erfahren können, ohne dass es das Kind etwas kostet.
Ein sachlicher Punkt kommt dazu, weil ihn viele Familien schlicht nicht kennen. Wer Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag, Sozialhilfe oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezieht, hat Anspruch auf die Leistungen für Bildung und Teilhabe: 195 Euro im Jahr für Schulbedarf, das Mittagessen in Schule und Kita, Klassenfahrten, die Fahrkarte zur Schule und Nachhilfe in tatsächlicher Höhe, wenn die Schule bestätigt, dass sie nötig ist. Zuständig sind je nach Ort das Jobcenter, das Sozialamt oder die Kommune. Im Sekretariat der Schule wissen sie meist, wohin.
Wofür Bildung eigentlich da ist
Alles bis hierher war Betrieb: Quoten, Abschlüsse, Anträge, Fächer. So wird über Schule meistens geredet, und die Zahlen weiter oben sind genau so gebaut. Am Ende steht dann die Frage, was ein junger Mensch später verdient und ob die Wirtschaft ihn brauchen kann.
Das ist nicht, wofür Bildung da ist. Bildung ist nicht dazu da, aus Menschen brauchbare Ware für einen Markt zu machen. Sie ist dazu da, dass ein Mensch sich selbst in eine Form bringt.
Dieser Gedanke ist weder neu noch exklusiv. Er taucht in jeder ernsthaften Tradition auf, und er ist in allen dreien derselbe.
In der islamischen Bildungsphilosophie steht dafür der Begriff Adab. Der malaysische Gelehrte Syed Muhammad Naquib al-Attas hat Erziehung geradezu als Tadib bestimmt, als das Einpflanzen von Adab in den Menschen. Ziel sei, einen guten Menschen hervorzubringen, nicht in erster Linie einen brauchbaren Staatsbürger. Was al-Ghazali über das Kind als anvertrauten Edelstein sagt, meint dieselbe Sache aus der Perspektive der Eltern.
In der deutschen Tradition hat Wilhelm von Humboldt den Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung festgehalten. Der wahre Zweck des Menschen sei „die höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen". Nicht die Verwertbarkeit dieser Kräfte, sondern ihr Zusammenspiel. Das deutsche Wort Bildung trägt diesen Sinn noch heute mit sich: Es kommt vom Bild und meint, dass da eines entsteht.
Am schärfsten hat es Plotin gesagt, der im Jahr 270 starb. Teile seiner Schriften kamen im neunten Jahrhundert in Bagdad ins Arabische und wurden dort, irrtümlich unter dem Namen des Aristoteles, von al-Farabi und Ibn Sina gelesen. Der Text über das Schöne war nicht darunter. Das Bild, das Plotin dort wählt, ist trotzdem das genaueste zur Sache: Er vergleicht den Menschen mit einer Statue, an der ihr eigener Bildhauer arbeitet.
Ziehe dich in dich selbst zurück und schaue, und wenn du dich selbst noch nicht als schön erblickst, so nimm, wie der Bildhauer, der an dem, was schön werden soll, bald hier bald da etwas wegnimmt und abschleift, bald hier glättet bald dort säubert, bis er an seinem Bilde ein schönes Antlitz zu Stande bringt, auch du alles das weg was überflüssig ist, mache das Krumme wieder gerade, reinige das Dunkle und lass es hell werden, kurz höre nicht auf zu zimmern an deinem Bilde.
Plotin, Enneade I,6,9
Das Bemerkenswerte an diesem Bild ist die Rollenverteilung. Der Stein ist nicht der Lehrplan, und der Bildhauer ist nicht der Lehrer. Beides ist der Mensch selbst. Der Unterricht liefert Hammer und Meißel, mehr nicht. Wer wartet, dass die Schule ihn fertig macht, wartet auf etwas, das so gar nicht funktioniert. Und wer ein Kind nur auf einen Beruf hin trainiert, gibt ihm Werkzeug in die Hand und sagt ihm nicht, wozu.
Daraus folgt noch etwas, das uns wichtig ist. Bildung ist nichts, was einer Gruppe gehört. Wenn Wissen den Menschen formt, dann formt es jeden Menschen, und dann ist es keine muslimische Angelegenheit, sondern eine der ganzen Menschheit. Uns interessiert nicht nur, wie muslimische Kinder in Deutschland lernen. Uns interessiert, dass Kinder lernen. Ein Mädchen, das irgendwo auf der Welt zum ersten Mal ihren Namen schreibt, ist dieselbe Sache, gleich welchen Glaubens, gleich in welchem Land.
Und die Kinder, die gar nicht erst hingehen
Wer in Deutschland über Schule klagt, klagt auf hohem Niveau. Sie ist da, sie ist kostenlos, sie ist Pflicht. Nach den Zahlen der UNESCO gehen weltweit 272 Millionen Kinder und Jugendliche überhaupt nicht zur Schule, 21 Millionen mehr als ein Jahr zuvor.
Der Satz über das Wissen, von dem Nutzen gezogen wird, hört an der eigenen Haustür nicht auf. Wie das aussehen kann, zeigt der Beitrag über die Koranschule in Gambia, die eine einzelne Frau aufgebaut hat.
Zurück zum ersten Wort
„Lies" stand am Anfang, gesagt zu einem Menschen, der es nicht konnte. Ohne Schule, ohne Lehrplan, ohne Ministerium. Was daraus wurde, haben über Jahrhunderte Leute getragen, die es selbst bezahlt und selbst organisiert haben.
An diesem Punkt stehen muslimische Familien in Deutschland heute wieder. Die Zahlen sagen, dass das System es nicht von allein richtet. Die Gelehrten, die hier zu Wort kommen, richten sich ohnehin nicht an eine Obrigkeit, sondern an Eltern und an Lehrer. Und das Kind, das mit der Schultüte vor der Tafel steht, merkt davon zunächst nur eines: ob zu Hause jemand mit ihm liest.
Häufige Fragen
Was sagt der Islam über Bildung? Die erste Offenbarung war ein Befehl zu lesen (Sure 96), und die Überlieferung nennt das Streben nach Wissen eine Pflicht für jeden Muslim. Wissen, von dem Nutzen gezogen wird, gehört außerdem zu den drei Dingen, die nach dem Tod weiterwirken.
Gilt die Pflicht zum Wissen auch für Mädchen? Ja. Der überlieferte Satz spricht von jedem Muslim, ohne Einschränkung auf Männer.
Ist damit nur religiöses Wissen gemeint? Die klassische Gelehrsamkeit unterscheidet zwischen dem, was jeder für seine Religionspraxis wissen muss, und dem Wissen, das die Gemeinschaft braucht, etwa Medizin oder Handwerk. Beides gilt als verpflichtend, das zweite für die Gemeinschaft als Ganzes.
Was sagt al-Ghazali über die Erziehung von Kindern? Er nennt das Kind ein Gut, das seinen Eltern anvertraut ist, und sein Herz einen ungeschliffenen Edelstein, der jede Form annimmt, die man ihm gibt. Die Verantwortung dafür, was daraus wird, liegt bei denen, die es erziehen.
Was sagt Ibn Chaldun über Strenge in der Schule? Dass sie schadet. Harte Bestrafung nimmt dem Kind die Tatkraft, macht es träge und bringt es dazu, aus Furcht zu lügen. Wer ein Kind zum Lernen bringen will, soll es nicht über Angst versuchen.
In welchen Bundesländern gibt es islamischen Religionsunterricht? In elf: Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Schleswig-Holstein. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es kein Angebot. Die Form reicht vom ordentlichen Lehrfach bis zur staatlich verantworteten Islamkunde.
Wie viele muslimische Schüler bekommen islamischen Religionsunterricht? Im Schuljahr 2024/25 waren es mindestens 81.000, gegenüber mehr als einer Million muslimischer Schüler. Rechnerisch ist das etwa jeder zwölfte.
Gibt es islamische Schulen in Deutschland? Fast keine. Das Grundgesetz erlaubt Schulen in freier Trägerschaft auch mit religiöser Prägung, muslimischen Trägern fehlen aber Anerkennung, Strukturen und die Finanzierung der ersten Jahre. Die bekannteste Ausnahme ist die Islamische Grundschule in Berlin-Neukölln, gegründet 1989.
Wird in der Schulstatistik nach Religion unterschieden? Nein. Erfasst werden Staatsangehörigkeit und Einwanderungsgeschichte, nicht der Glaube. Aussagen über Schulabschlüsse muslimischer Kinder beruhen deshalb immer auf Hilfsgrößen und sind entsprechend vorsichtig zu lesen.
Wie viele Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss? 2024 waren es 62.035, das sind 8,0 Prozent des Altersjahrgangs. Zwischen den Ländern reicht die Spanne von 6,1 Prozent in Bayern bis 14,3 Prozent in Sachsen-Anhalt.
Welche Hilfen gibt es für Schulmaterial? Über die Leistungen für Bildung und Teilhabe 195 Euro im Jahr, dazu Nachhilfe, Mittagessen, Ausflüge und Fahrtkosten, wenn die Familie Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag oder vergleichbare Leistungen bezieht.
Wie viele Kinder gehen weltweit nicht zur Schule? 272 Millionen, nach den Zahlen der UNESCO von 2025.
Quellen
- Koran: Sure 96, Verse 1 bis 5; Sure 20, Vers 114.
- Überlieferungen: Sunan Ibn Madscha 224 (der erste Satz über mehrere Wege authentisch), Sahih Muslim 2699, Sahih Muslim 1631.
- Al-Ghazali: Ihya Ulum ad-Din, Kitab Riyadat an-Nafs, Abschnitt über die Erziehung der Kinder; je nach Ausgabe als Buch 21 oder 22 gezählt, englische Übersetzung von T. J. Winter.
- Ibn Chaldun: Muqaddima, Kapitel 6, Abschnitt „Strenge gegen die Schüler schadet ihnen" (in der Zählung von Franz Rosenthal Abschnitt 39).
- Ibn al-Qayyim: Tuhfat al-Maudud bi-Ahkam al-Maulud, Seite 185; zum Vorrang des Wissens sein Werk Miftah Dar as-Saada.
- Gegenwart: Yaqeen Institute, All That We Lost; Najwa Awad und Sarah Sultan, Building Resilience.
- Schulabgänge ohne Abschluss: Bildung in Deutschland 2026, Tab. D8-1web (62.035 Abgänge, Quote 8,0 %) und Tab. D8-2web (Länderwerte 2024, Grundlage der Grafik), Datenbasis Sekretariat der Kultusministerkonferenz. Die Quote bezieht sich auf die gleichaltrige Wohnbevölkerung, nicht auf die Zahl der Abgänger.
- Bildungsungleichheit: Bildung in Deutschland 2026, Kapitel H. Dort auch der Wortschatz mit zwei Jahren (97, 138 und 159 Wörter nach Bildungsabschluss der Mutter, Abb. H2-1 nach Attig und Weinert 2025), die 347 gemeldeten Ländermaßnahmen und der Befund, dass sich Unterschiede nach Einwanderungsgeschichte bei Berücksichtigung der sozialen Herkunft deutlich verringern.
- Privatschulbesuch nach Staatsangehörigkeit: Bildung in Deutschland 2026, Kapitel D, Tab. D1-10web (10 gegenüber 4 Prozent im Schuljahr 2024/25).
- Leistungen für Bildung und Teilhabe: Beträge für das Kalenderjahr 2026; Auskunft erteilen Jobcenter, Sozialamt oder Kommune.
- Islamischer Religionsunterricht: Mediendienst Integration, Zahlen für das Schuljahr 2024/25 und für Nordrhein-Westfalen 2025/26; der Anteil von etwa jedem zwölften Schüler ist daraus errechnet.
- Schulen in freier Trägerschaft: Artikel 7 Absatz 4 des Grundgesetzes; zur Lage muslimischer Träger das Forum Recht und Islam. Angaben zur Islamischen Grundschule Berlin von der Schule selbst.
- Muslimische Kinder im Unterricht: Zeyneb Sayılgan, 9/11 in der Schule, Islamische Zeitung.
- Muslimische Gemeinden in Deutschland: Mediendienst Integration, Erhebung von 2022 mit 703 befragten Gemeinden.
- Avicenna-Studienwerk: Angaben des Studienwerks zur Anerkennung als Begabtenförderungswerk, zum ersten Jahrgang 2014/15 und zur tausendsten Förderung 2024.
- Bildung als Selbstformung: Plotin, Enneade I,6,9, in der Übersetzung von Hermann Friedrich Müller (Berlin 1878); Wilhelm von Humboldt, Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen (1792), Kapitel 2; zu Tadib und Adab Syed Muhammad Naquib al-Attas, Aims and Objectives of Islamic Education (1979), zusammengefasst bei SeekersGuidance.
- Kinder ohne Schule weltweit: UNESCO, Zahlen aus dem SDG-4-Scorecard 2025.
Kareem C.
Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.