Muslime auf dem Balkan: Geschichte, Krieg und die Spur nach Deutschland
Bosnien, Albanien und Nordmazedonien tragen die längste muslimische Geschichte Europas. Was dort geschah, was der Krieg zerstörte und warum eine Recherchereise dorthin gerade Unterstützung braucht.
Muslime auf dem Balkan sind keine Zugewanderten. Sie leben seit über fünf Jahrhunderten dort, wo sie leben, und sie sind europäische Einheimische in demselben Sinn, in dem ein Bayer oder ein Katalane es ist. Drei Länder tragen diese Geschichte bis heute sichtbar: Bosnien und Herzegowina, Albanien und Nordmazedonien.
Dieser Text erzählt, wie der Islam auf den Balkan kam, was der Krieg zwischen 1992 und 1995 zerstörte, welche muslimischen Denker darüber geschrieben haben und warum das für Muslime in Deutschland keine ferne Regionalgeschichte ist.
Am Ende steht eine Recherchereise, die gerade über commonsplace finanziert wird.
Wie viele Muslime auf dem Balkan leben
Die Zahlen stammen aus den jeweils letzten Volkszählungen.
| Land | Zensus | Muslimischer Bevölkerungsanteil |
|---|---|---|
| Bosnien und Herzegowina | 2013 | 50,7 Prozent von 3.531.159 Einwohnern |
| Nordmazedonien | 2021 | 32,2 Prozent von 1.836.713 gezählten Einwohnern |
| Albanien | 2023 | 45,86 Prozent Muslime, dazu 4,81 Prozent Bektaschi |
Die albanische Zahl braucht eine Fußnote. Fast 30 Prozent der Befragten machten 2023 keine Angabe zum Glauben, verweigerten die Antwort oder waren nicht erreichbar. Zählt man Sunniten und Bektaschi zusammen, kommt man auf gut 50 Prozent. Zählt man nur die Sunniten, fiel der Anteil erstmals seit dem 17. Jahrhundert unter die Hälfte. Beide Lesarten kursieren in den Medien. Beide sagen mehr über die Zählmethode als über den Glauben der Menschen.
Dazu kommen der Kosovo, Montenegro, der Sandžak in Serbien und muslimische Gemeinden in Kroatien und Slowenien. Der Balkan ist die Region Europas mit dem längsten ununterbrochenen muslimischen Leben.
Wie der Islam auf den Balkan kam
1463 fiel das mittelalterliche Königreich Bosnien an das Osmanische Reich. Was danach folgte, war kein Bevölkerungsaustausch, sondern eine langsame Verschiebung über Generationen: Handel, Verwaltung, Recht, Steuern, Bildung, Heirat.
Sichtbar wird das an einem einzigen Namen. Gazi Husrev-beg, osmanischer Statthalter in Bosnien, ließ 1531 in Sarajevo seine Moschee errichten. Seine Vakufnama aus demselben Jahr, die Stiftungsurkunde, regelte Moschee, Armenküche und Hanikah. 1537 kam die Medresa hinzu. Um diesen Kern wuchsen Bibliothek, Bezistan, Hamam, Uhrturm, Herbergen und Krankenhäuser.
Das Prinzip dahinter heißt Waqf. Wer stiftete, entzog sein Vermögen dauerhaft dem Markt und band es an einen Zweck, der niemandem mehr gehörte. Ganze Stadtviertel entstanden so, ohne Steuergeld und ohne Investor. Wie dieses System arbeitete und warum es im 19. und 20. Jahrhundert zerschlagen wurde, steht in unserem Artikel über den Waqf und seine Geschichte.

Sarajevo 1992 bis 1995, die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts
In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1992 besetzte die Jugoslawische Volksarmee den Flughafen von Sarajevo. Danach lag die Stadt 1.425 Tage unter Beschuss, bis zum 29. Februar 1996. Es ist die längste Belagerung einer Hauptstadt in der modernen Kriegsgeschichte.
In der Nacht vom 25. auf den 26. August 1992 traf gezieltes Artilleriefeuer die Vijećnica, das Rathaus, in dem 42 Jahre lang die National- und Universitätsbibliothek untergebracht war. Brandgranaten schlugen durch das Dach. Rund 90 Prozent der Bestände verbrannten. Der Wiederaufbau des Gebäudes dauerte bis 2014. Die Bibliothek ist bis heute nicht wieder darin eingezogen.
Wer verstehen will, warum in Bosnien so viel an Archiven, Handschriften und Grabsteinen hängt, findet hier die Antwort. Es ging um Gebiet, und es ging um den Nachweis, dass diese Menschen dort immer gewesen waren.
Srebrenica, Juli 1995
Im Juli 1995 nahm die Armee der Republika Srpska die zur UN-Schutzzone erklärte Stadt Srebrenica ein. Mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen wurden verschleppt und ermordet.
Sowohl das Internationale Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien als auch der Internationale Gerichtshof stuften die Taten als Völkermord ein. 16 Personen wurden dafür verurteilt, darunter Radislav Krstić, Ratko Mladić und Radovan Karadžić.
Am 23. Mai 2024 erklärte die UN-Generalversammlung mit Resolution 78/282 den 11. Juli zum Internationalen Tag des Gedenkens an den Völkermord von Srebrenica. 84 Staaten stimmten zu, 19 dagegen, 68 enthielten sich. Die Resolution verurteilt ausdrücklich jede Leugnung des Völkermords.

Was der Krieg mit Deutschland zu tun hat
Für Muslime in Deutschland ist Bosnien näher, als die Landkarte vermuten lässt.
Nach Angaben des UNHCR suchten während des Krieges rund 350.000 Menschen aus Bosnien und Herzegowina Schutz in Deutschland, mehr als in jedem anderen westeuropäischen Land. Die meisten bekamen keine Aufenthaltserlaubnis, sondern eine Duldung. Zum 31. März 1995 hatten von rund 288.000 registrierten Schutzsuchenden etwa 226.000 diesen Status, also gut 80 Prozent. Nach dem Abkommen von Dayton begann die Rückführung.
Ein Teil blieb. 2023 lebten laut Statistischem Bundesamt rund 227.000 Menschen mit bosnischer Staatsangehörigkeit in Deutschland, ohne die längst Eingebürgerten und ihre Kinder.
Der Krieg veränderte auch die deutsche Außenpolitik. Am 12. Juli 1994 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Einsätze der Bundeswehr außerhalb des Bündnisgebiets zulässig sind, wenn ein Mandat vorliegt und der Bundestag zustimmt. Am 30. Juni 1995 stimmten 386 von 655 Abgeordneten für die Beteiligung an der Absicherung der UN-Truppen in Bosnien. Ab Dezember 1995 war die Bundeswehr im Rahmen von IFOR vor Ort. Die deutsche Debatte über Auslandseinsätze beginnt in Bosnien, nicht in Afghanistan.
Und die Verbindung reißt bis heute nicht ab. Seit Juni 2024 erlaubt die Westbalkanregelung jährlich 50.000 Zustimmungen für Arbeitskräfte aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien. Das Kontingent für 2025 war Ende November ausgeschöpft. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD steht die Absicht, es wieder auf 25.000 zu halbieren.
Wer heute in Deutschland in einer Moscheegemeinde sitzt, sitzt mit hoher Wahrscheinlichkeit neben jemandem, dessen Familie aus dieser Region kommt.
Islamische Denker, die den Balkan erklärt haben
Über muslimisches Leben auf dem Balkan ist viel geschrieben worden, das meiste davon von außen. Vier Namen stehen für die andere Perspektive.
Alija Izetbegović
Izetbegović (1925 bis 2003) schrieb "Islam zwischen Ost und West" bereits 1984, lange bevor er Präsident wurde. Das Buch ordnet den Islam zwischen Materialismus und Christentum ein und liest die europäische Geistesgeschichte gegen den Strich. Eine deutsche Übersetzung von Rijad Dautović erschien 2014 in Wien. Seine frühere "Islamische Deklaration" von 1970 wurde ihm politisch als Anklageschrift vorgehalten und wird bis heute unterschiedlich gelesen.
Smail Balić
Balić (1920 bis 2002) ist die direkteste Brücke ins deutschsprachige Publikum. Der bosnische Gelehrte promovierte 1945 in Wien über die geistigen Triebkräfte des bosnisch-herzegowinischen Islams und leitete später die arabische Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Seine Bücher "Das unbekannte Bosnien" (1992) und "Islam für Europa" (2001) sind auf Deutsch geschrieben und stehen in vielen Bibliotheken.
Mustafa Cerić
Cerić, von 1993 bis 2012 Reisu-l-ulema der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien, legte 2006 eine "Deklaration der europäischen Muslime" vor. Sie beschreibt Europa als Haus des Friedens und bindet die muslimische Präsenz an Rechtsstaat und gemeinsame Grundwerte. Der Text wurde breit verteilt und ist zugleich ein Zeitdokument der Jahre nach 2001.
Rusmir Mahmutćehajić
Mahmutćehajić, Ingenieur, Minister a. D. und Autor von "Learning from Bosnia", argumentiert gegen die Erzählung vom ewigen Volksgruppenkonflikt und für Bosnien als eigene, plurale Ordnung.
Wer sich mit muslimischem Leben in Europa beschäftigt, kommt an diesen Büchern schwer vorbei. Sie sind älter als jede aktuelle Islamdebatte in Deutschland und haben deren Fragen vorweggenommen.
Albanien, vom Verbot jeder Religion zurück zur Moschee
Albanien hat eine Erfahrung gemacht, die kein anderes muslimisch geprägtes Land teilt. 1967 begann die Regierung unter Enver Hoxha, sämtliche religiösen Einrichtungen zu schließen, und erklärte das Land zum ersten offiziell atheistischen Staat der Welt. Rund 2.169 religiöse Gebäude wurden geschlossen, umgewidmet oder gesprengt, darunter etwa 740 Moscheen und sämtliche Bektaschi-Tekken. Die Verfassung von 1976 schrieb das Verbot fest. Geistliche aller Bekenntnisse wurden hingerichtet, in Lager geschickt oder verschwanden im Untergrund.
Das Verbot hielt bis Dezember 1990. Danach kehrten die Gemeinden schnell zurück, oft in Gebäude, die zwei Jahrzehnte als Lagerhalle oder Kino gedient hatten.
Die Et'hem-Bey-Moschee mitten in Tirana überstand diese Zeit als Baudenkmal und öffnete 1991 wieder. Sie steht am Skanderbeg-Platz, zwischen Uhrturm und Ministerien, an der sichtbarsten Stelle des Landes.

Nordmazedonien, ein knappes Drittel des Landes
Beim Zensus 2021 bekannten sich 32,2 Prozent der gezählten Einwohner zum Islam, überwiegend Albaner, dazu Türken, Roma und mazedonischsprachige Muslime, die Torbeši. Die meisten leben im Norden und Westen des Landes.
In Skopje steht mit der Mustafa-Pascha-Moschee von 1492 einer der bedeutendsten osmanischen Bauten der Region. Der Alte Basar unterhalb der Festung ist bis heute ein zusammenhängendes Viertel, kein museales Reststück.
Religion und Ethnie fallen hier weitgehend zusammen, und genau daraus entsteht der politische Streit. Das Rahmenabkommen von Ohrid beendete 2001 den bewaffneten Konflikt zwischen albanischen Aufständischen und dem Staat und ordnete Sprache, Verwaltung und Bildung neu. Die Fragen dahinter sind nicht erledigt.

Warum Reisen in unserer Tradition kein Urlaub ist
Der Qur'an fordert an mehreren Stellen dazu auf, sich das anzusehen, was von früheren Gemeinschaften übrig blieb.
"Sag: Reist auf der Erde umher und schaut, wie Er die Schöpfung am Anfang gemacht hat." (Sure 29:20)
An anderer Stelle heißt es: "Sind sie denn nicht auf der Erde umhergereist, so dass sie schauen konnten, wie das Ende derer war, die vor ihnen waren?" (Sure 30:9)
Das ist keine Einladung zur Kulisse, sondern die Aufforderung, Macht als etwas Zeitliches zu lesen und Städte als Schichten von Erinnerung.
Romantisiert wird das Reisen dabei nirgends. Der Prophet, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagte: "Das Reisen ist ein Stück Qual. Es hält den Menschen von Essen, Trinken und Schlaf ab. Wenn einer von euch sein Anliegen erledigt hat, soll er rasch zu seiner Familie zurückkehren." (Sahih al-Buchari 1804, Sahih Muslim 1927, muttafaqun alayh, also von beiden als sahih überliefert)
Wer diesen Aufwand betreibt, sollte einen Grund haben, der über das eigene Bild hinausgeht.
Die Recherche, die gerade finanziert wird
Hajj Abu Bakr Rieger, Herausgeber der Islamischen Zeitung, reist nach Sarajevo, Tirana und Skopje. Geplant sind Gespräche mit Schriftstellerinnen, Historikern, Journalistinnen und Aktivisten, dazu Aufnahmen aus Gemeinden und Alltag.
Daraus entstehen Videos und Essays während der Reise, ein Abschlussbericht für die Unterstützer und am Ende ein Buch für deutschsprachige Leser. Der Unterschied zwischen Reise und Recherche liegt genau dort: Eine Reise endet mit der Rückkehr, ein Buch nicht.
Das Fundingziel liegt bei 6.000 Euro und ist aufgeschlüsselt.
| Posten | Betrag |
|---|---|
| Flüge und Transport vor Ort | 1.500 Euro |
| Unterkunft in drei Ländern | 1.800 Euro |
| Dolmetscher und Kontaktleute | 1.200 Euro |
| Produktion, Video, Schnitt, Material | 900 Euro |
| Plattform- und Zahlungsgebühren | 600 Euro |
In Honorare fließt nichts. Es gibt kein Redaktionsbudget dahinter, und genau das ist der Grund für die Balkan-Recherche auf commonsplace. Unabhängiger Journalismus über eine Region, die deutsche Medien meist erst bei einer Krise entdecken, muss unabhängig finanziert werden.
Als Unterstützer bekommst du Videos und Reiseposts aus der Region, Essays und Analysen, einen Abschlussbericht nur für Unterstützer und das Buch, in das die Recherche einfließt.

Der ursprüngliche Aufruf der Redaktion steht auf islamische-zeitung.de.
Häufige Fragen zu Muslimen auf dem Balkan
Seit wann leben Muslime auf dem Balkan?
Seit dem 15. Jahrhundert. Bosnien kam 1463 unter osmanische Herrschaft, und über die folgenden Generationen wuchs eine muslimische Bevölkerung heran, die dort ansässig blieb. Die Gazi-Husrev-Beg-Moschee in Sarajevo steht seit 1531.
In welchen Balkanländern stellen Muslime die größte Gruppe?
In Bosnien und Herzegowina waren es beim Zensus 2013 50,7 Prozent. In Albanien lag der Anteil 2023 bei 45,86 Prozent Muslimen plus 4,81 Prozent Bektaschi, in Nordmazedonien 2021 bei 32,2 Prozent. Im Kosovo ist der Anteil noch höher.
Was geschah in Srebrenica?
Im Juli 1995 ermordeten Einheiten der Republika Srpska in der UN-Schutzzone Srebrenica mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien und der Internationale Gerichtshof stuften die Taten als Völkermord ein. Seit 2024 ist der 11. Juli ein internationaler Gedenktag der Vereinten Nationen.
Warum ist der Bosnienkrieg für Deutschland wichtig?
Rund 350.000 Menschen flohen aus Bosnien nach Deutschland, mehr als in jedes andere westeuropäische Land. Der Krieg löste außerdem die deutsche Debatte über Auslandseinsätze aus: Das Bundesverfassungsgericht entschied darüber 1994, der Bundestag stimmte 1995 zu.
Welche muslimischen Autoren schreiben über den Balkan?
Alija Izetbegović mit "Islam zwischen Ost und West", Smail Balić mit "Das unbekannte Bosnien" und "Islam für Europa", Mustafa Cerić mit der Deklaration der europäischen Muslime von 2006 und Rusmir Mahmutćehajić mit "Learning from Bosnia". Balić schrieb auf Deutsch, Izetbegović liegt seit 2014 auf Deutsch vor.
Ist Albanien noch ein muslimisches Land?
Das hängt davon ab, wie gezählt wird. Beim Zensus 2023 gaben 45,86 Prozent Islam an und 4,81 Prozent Bektaschi, zusammen also gut die Hälfte. Fast 30 Prozent machten keine Angabe. Prägend ist die Erfahrung von 1967 bis 1990, als Religion im Land vollständig verboten war.
Was bleibt
Der Balkan ist der Teil Europas, in dem muslimisches Leben am längsten am Stück existiert, am gründlichsten zerstört und am zähesten wieder aufgebaut wurde. Er taucht in deutschen Nachrichten meist erst auf, wenn etwas eskaliert.
Wer das ändern will, muss hinfahren, bevor etwas eskaliert. Genau das ist der Zweck dieser Recherche.
Wenn du selbst ein Vorhaben hast, das Zeit, Wege und Sorgfalt braucht, findest du auf commonsplace weitere Projekte aus der Community und die Möglichkeit, ein eigenes zu starten. Wie muslimische Selbstorganisation dabei konkret aussieht, haben wir in einem eigenen Artikel über muslimische Selbstorganisation beschrieben.