Muraqaba und Muhasaba: Achtsamkeit und Selbstprüfung
Das Bewusstsein, gesehen zu werden, und die ehrliche Abrechnung mit sich selbst. Zwei Begriffe, die zusammengehören.
Muraqaba ist das wache Bewusstsein, dass Allah einen sieht. Muhasaba ist die regelmäßige Abrechnung mit sich selbst: Was habe ich heute getan, was schulde ich noch. Beide Begriffe gehören zusammen wie Beobachten und Auswerten.
Woher das Wort kommt
Muraqaba kommt von raqaba, beobachten. Dieselbe Wurzel steckt in ar-Raqib, dem Wachenden, einem der Namen Allahs. Muhasaba kommt von hasabahisab verwandt, der Abrechnung am Jüngsten Tag.
Im Alltag
Muraqaba wird im bekannten Hadith über Ihsan beschrieben: Allah zu dienen, als sähest du Ihn, und wenn du Ihn nicht siehst, so sieht Er doch dich. Praktisch heißt das nicht Dauergrübeln, sondern eine Grundhaltung, die im Berufsleben genauso greift wie im Gebet: Auch wenn niemand hinschaut, wird sauber gearbeitet.
Muhasaba ist die Übung dazu. Klassisch empfohlen ist ein fester Moment am Tagesende, in dem man wenige Minuten zurückblickt: Was war gut, was nicht, was ist offen. Wer will, notiert es. Viele deutsche Muslime führen dafür heute ein kleines Heft oder eine Notiz im Handy.
Nicht zu verwechseln mit
Der Meditation im heutigen Sprachgebrauch. Muraqaba ist keine Entspannungstechnik und zielt nicht auf innere Leere, sondern auf ein bestimmtes Bewusstsein. Ruhe kann dabei entstehen, ist aber nicht der Zweck.
Häufige Fragen
Wie fängt man mit Muhasaba an? Mit wenig. Drei Fragen am Abend genügen: Wofür bin ich dankbar, was bereue ich, was nehme ich mir für morgen vor.
Führt das nicht zu Selbstvorwürfen? Nur, wenn der Istighfar fehlt. Die Selbstprüfung endet nicht bei der Feststellung, sondern bei der Bitte um Vergebung und einem Vorsatz.
Ist das dasselbe wie Achtsamkeit? Es gibt Berührungspunkte, aber der Bezugspunkt ist ein anderer. Achtsamkeit richtet sich auf den gegenwärtigen Moment, Muraqaba auf den, der ihn sieht.
Quellen
- „Der Kluge ist der, der sich selbst zur Rechenschaft zieht und für das arbeitet, was nach dem Tod kommt. Der Unfähige ist der, der seinen Neigungen folgt und dabei bloß auf Allah hofft": Jami at-Tirmidhi 2459.
Kareem C.
Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.
Fachlich geprüft
Die religiösen Angaben sind gegen SeekersGuidance abgeglichen, die Hadithe mit Sammlung und Nummer belegt, und der Eintrag wurde vor der Veröffentlichung von einem Imam gegengelesen. Wo die Rechtsschulen auseinandergehen, steht das im Text.