Preis der Jury
Kein Gedicht
Rabia T. · 2025
Ich wollte dir ein Gedicht schreiben Nicht irgendeines. Eines, das nicht gleich wieder mit dem Morgen verschwindet, wenn die Nacht ihre Spuren findet und tut, als wäre nichts gewesen. Eines, das bleibt. Also ging ich in die Schublade mit den schönen Wörtern. Dort lag noch die Liebe, die ich längst für verloren hielt. Daneben die Sehnsucht, ein wenig staubig vom langen Warten. Ich nahm das Licht Die Rose Den Mond, obwohl ich wusste, dass der Mond schon zu viele Gedichte überlebt hat Ich legte alles vor mich hin wie Dinge, die man für eine lange Reise bereitlegt, ohne zu wissen, was man am Ende wirklich brauchen wird. Dann schrieb ich deinen Namen Nur deinen Namen Und plötzlich wurden die anderen Wörter kleiner Die Liebe wurde unter deinem Namen beinahe durchsichtig. Der Mond hing plötzlich wie eine alte Lampe zu niedrig über dem Papier Und die Rose — was sollte eine Rose noch sagen? Sie hatte ihren Duft schon tausendmal getragen Ich wollte nicht von einer Rose schreiben Ich wollte den Duft einer Rose in deine Richtung schicken können Ich wollte ein Gedicht, das nach Medina riecht Nach Erde, die den Morgen noch in sich trägt Nach warmem Staub unter müden Füßen. Ich wollte, dass irgendwo zwischen meinen Zeilen ein Gebet beginnt. Nicht laut Nur so, dass jemand, der selbst einmal mit einer Sehnsucht aufgewacht ist, es hören könnte. Ich wollte zwischen einem Vers und dem nächsten einen Augenblick, in dem selbst das Schweigen nicht stören darf. Ich wollte, dass meine Wörter ihre Schuhe ausziehen und auf Zehenspitzen gehen Vorsichtig und bescheiden den Atem anhaltend. Denn wie schreibt man sonst über jemanden, den man nie gesehen hat und dessen Abwesenheit trotzdem einen ganzen Raum füllt? Wie schreibt man sonst über jemanden, dessen Name Jahrhunderte später noch immer an so vielen Herzen anklopft? Nach all den Gedichten, die ich geschrieben habe über das Warten, über das Gehen, über Türen, die sich nicht öffnen, über Abschiede, die noch lange im Flur stehen, über Dinge, die längst vorbei sind und trotzdem noch ihren Platz behalten, wollte ich nun endlich eines für dich schreiben. Aber ich strich die Rose durch. Den Mond. Die Nacht. Ich strich sogar die Liebe. Nicht, weil sie nicht da war, sondern weil sie vor deinem Namen so klein wirkte. Irgendwann blieb nur noch dein Name. Ich strich mit dem Finger darüber als müsste ich jede einzelne Silbe festhalten. Dann noch einmal. Und noch einmal. Das Blatt war nicht mehr leer Es war voll von allem, was ich nicht aufschreiben konnte. Ich wollte dir ein Gedicht schreiben Wirklich. Ich wollte dir ein Gedicht schreiben. Ich wollte dir die schönsten Wörter geben, die ich hatte. Aber ich wollte etwas erklären, das sich nicht erklären ließ Also ließ ich sie liegen All diese doch nicht so großen Wörter. Ich merkte, dass dich kein Wort fassen kann und ich trotzdem in jedem Wort nach dir suche. Ich wollte dir ein Gedicht schreiben. Stattdessen legte ich deinen Namen auf ein Blatt und daneben mein Schweigen. Aber seitdem duftet das Papier ein wenig nach Rosen Und irgendwo zwischen meinem Schweigen und deinem Namen ist inzwischen eine Stadt aufgewacht. Ganz leise. Als hätte der Morgen noch nicht entschieden, ob er kommen darf. Und vielleicht war genau das mein Gedicht. Ein kleiner Teppich, das erste Licht des Morgens, und ein Augenblick, in dem ich aufhörte, nach Worten zu suchen.