Haya: die Schamhaftigkeit
Die Zurückhaltung, die vom Hässlichen abhält. Überliefert als Teil des Glaubens.
Haya bezeichnet die Schamhaftigkeit: eine innere Zurückhaltung, die davon abhält, Hässliches zu tun oder zu sagen. Überliefert ist, dass sie ein Zweig des Glaubens ist und dass sie nur Gutes bringt.
Woher das Wort kommt
Haya wird auf hayat, das Leben, zurückgeführt: Ein Herz, das sie hat, gilt als lebendig. Das deutsche Wort Scham trifft es nur halb, weil es stärker nach Peinlichkeit klingt als nach Zurückhaltung.
Im Alltag
Der bekannteste Satz dazu ist zugleich der härteste: Wenn du keine Scham hast, dann tu, was du willst. Er wird unterschiedlich verstanden — als Drohung oder als Feststellung, dass die Scham die letzte Grenze ist, wenn keine andere mehr greift.
Wichtig ist die zweite Richtung des Begriffs. Haya betrifft nicht nur das Verhältnis zu Menschen, sondern zuerst das zu Allah. Überliefert ist die Aufforderung, sich Allah gegenüber so zu schämen, wie man sich vor einem angesehenen Menschen aus der eigenen Familie schämen würde.
Ebenso wichtig ist, was Haya nicht ist. Sie ist kein Grund, aus Scheu eine notwendige Frage nicht zu stellen. Überliefert ist ausdrücklich das Lob der Frauen der Ansar, deren Schamhaftigkeit sie nicht davon abhielt, in Glaubensfragen nachzufragen. Wer wegen einer medizinischen oder rechtlichen Frage schweigt, hat den Begriff missverstanden.
Nicht zu verwechseln mit
Schüchternheit. Haya hält vom Falschen ab, nicht vom Nötigen. Sie ist eine Grenze, keine Blockade.
Häufige Fragen
Gilt Haya nur für Frauen? Nein. Die Überlieferungen richten sich an alle, und über den Propheten selbst wird berichtet, er sei schamhafter gewesen als eine Jungfrau in ihrer Kammer.
Darf man peinliche Fragen stellen? Ja, und man soll. Das Beispiel der Ansar-Frauen steht genau dafür.
Was hat Haya mit Kleidung zu tun? Sie ist eine Haltung, aus der sich unter anderem Kleidungsfragen ergeben. Zur Sache siehe Awra.
Quellen
- Die Schamhaftigkeit als Zweig des Glaubens, überliefert von Abu Huraira: Sahih Muslim 35; ebenso Sahih al-Bukhari 24.
- „Wenn du keine Scham hast, dann tu, was du willst", überliefert von Abu Masud: Sahih al-Bukhari 6120.
- Zur Vertiefung: Islamic Ethics, Yaqeen Institute.
Kareem C.
Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.
Fachlich geprüft
Die religiösen Angaben sind gegen SeekersGuidance und das Yaqeen Institute abgeglichen, die Hadithe mit Sammlung und Nummer belegt, und der Eintrag wurde vor der Veröffentlichung von einem Imam gegengelesen. Wo die Rechtsschulen auseinandergehen, steht das im Text.