HIKMA in Berlin: das Zentrum für Zeitgeist und Zeitgeschichte stellt sich vor
Ein Lesecafé in vier Sprachen, ein Tafsir-Kurs, ein Lesezirkel und ein eigener Verlag: HIKMA verbindet in Berlin-Charlottenburg klassische islamische Geistesgeschichte mit den Fragen der Gegenwart. Eine Vorstellung des Zentrums und seiner zwei Projekte auf commonsplace.
Wer in Berlin-Charlottenburg die Sophie-Charlotten-Straße hinuntergeht, würde die Nummer 30 leicht übersehen. Im Erdgeschoss liegt ein Raum mit Sesseln, Kaffeeduft und Regalen in vier Sprachen. Dienstags, mittwochs und donnerstags steht die Tür von zwölf bis achtzehn Uhr offen, der Kaffee kostet nichts, das Gebäck auch nicht. Wer bleiben will, bleibt. Wer lesen will, sucht sich ein Buch. Das ist der sichtbarste Teil von HIKMA, dem Zentrum für Zeitgeist und Zeitgeschichte. Der unsichtbare Teil ist deutlich größer.
Das Hikma-Zentrum in Berlin ist ein islamisches Bildungszentrum in Charlottenburg. Es bietet Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, einen wöchentlichen Tafsīr-Kurs, einen Lesezirkel zur islamischen Geistesgeschichte, Schulworkshops, Fortbildungen für Fachkräfte, einen Podcast und ein kostenloses Lesecafé mit Bibliothek in vier Sprachen. Zwei Vorhaben finanziert das Zentrum gerade über commonsplace: einen eigenen Verlag für islamische Bildungsmedien und den Ausbau der Bibliothek.
Ein Name als Programm
Ḥikma ist ein Begriff aus der arabisch-islamischen Geistesgeschichte. Er wird meist mit Weisheit übersetzt, meint aber mehr als Klugheit. Das Zentrum selbst beschreibt ḥikma als die Fähigkeit, einer Sache das größtmögliche Recht widerfahren zu lassen, und hält das nur für erreichbar, wenn der Mensch beide Seiten seiner Anlage entwickelt, die theoretische und die praktische, den Verstand und das Herz.
Genau darauf ist die Arbeit ausgerichtet. Das Zentrum versteht sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, als Raum für Dialog und als Stimme für unterschiedliche Perspektiven. Im Leitbild steht ein Satz, der die Richtung klar macht: Vernunft und Spiritualität seien zwei einander ergänzende Elemente, die den Menschen zu seiner Exzellenz führen können.
Dahinter steht eine deutliche Diagnose. Was heute vielerorts als Islam präsentiert werde, habe sich weit von seiner ursprünglichen Botschaft entfernt, von Spiritualität, Schönheit, Zuneigung und Rationalität. Das Zentrum hält einen Paradigmenwechsel für nötig, eine Rückbesinnung auf diese Qualitäten. Formuliert wird das nicht als Abgrenzung, sondern als Einladung.
Fünf Ziele, acht Themenfelder
HIKMA hat seine Arbeit auf fünf Ziele gestellt: Spiritualität als persönliche Kraftquelle, Intellektualität als Wiederbelebung von Vernunft und kritischem Denken, eine universelle Ethik zwischen Mensch, Wirtschaft und Umwelt, ein kontextgerechtes Religionsverständnis und schließlich Partizipation, also gesellschaftliches Engagement und Mitverantwortung.
Inhaltlich fächert sich das in acht Themenfelder auf: Religion, Zeitgeist, Zeitgeschichte, Spiritualität und Umwelt, Moral und Ethik, Philosophie und Wissenschaft, Kunst und Ästhetik sowie Quelle und Hermeneutik. Wer die Beiträge auf der Website liest, merkt schnell, dass diese Felder ernst gemeint sind. Da geht es um die Frage, ob alle Moscheen gleich aussehen müssen, um Kunst als Ausdruck einer inneren Dimension, um qurʾānische Betrachtungsweisen auf die Schöpfung oder um die Scharia als umkämpften Begriff.
Das Angebot: Kurse, Lesezirkel und Workshops in Berlin
Das Programm ist erstaunlich breit für ein Haus mit sechs hauptamtlichen Mitarbeitern in Voll- und Teilzeit.
Kurse ab fünf Jahren. Die Unterrichtssprache ist Deutsch, die Inhalte sind altersgerecht aufgebaut und haben immer einen Gegenwartsbezug. Für Kinder im Vorpubertätsalter liegt der Schwerpunkt auf werteorientierter Vermittlung, für Jugendliche zwischen vierzehn und sechzehn gibt es zwei Module, Religiosität im Alltag sowie islamische Geschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart. Wer die Reihe erfolgreich abschließt, kann an einer kostenlosen Balkanreise teilnehmen. Für die interessierte Öffentlichkeit gibt es niedrigschwellige Einführungskurse.
Der Tafsīr-Kompaktkurs. Jeden Mittwoch von 18:30 bis 20:00 Uhr arbeitet sich eine Gruppe durch die Sūra al-Baqara, Seite für Seite. Die Leitfrage lautet, ob eine Übersetzung reicht, um den Qurʾān zu verstehen. Die Antwort des Kurses: nicht wirklich. Es geht um Verständnis statt Lektüre, um Einordnung statt isolierter Verse und um den Alltagsbezug. Behandelt wurden bisher unter anderem die reine Gottergebenheit Abrahams, die Pilgerfahrt, gesellschaftliche Konflikte und familiäres Leben.

Der Lesezirkel. Das Zentrum nennt ihn ein hermeneutisches Labor, und das trifft es gut. Gelesen wurden al-Ghazālīs Der Erretter aus dem Irrtum und Ibn Ṭufayls Ḥayy ibn Yaqẓān, der Roman über einen Menschen, der allein auf einer Insel aufwächst, ohne Gesellschaft, ohne Lehrer, ohne Sprache, und trotzdem zur Erkenntnis gelangt. Drei Perspektiven laufen dabei immer mit: Texttreue, Zeitdiagnose und existenzielle Relevanz. Dazu kommen Buchvorstellungen, zuletzt zu Karen Armstrong und zu René Guénons Die Krise der modernen Welt.
Schulworkshops und Fortbildungen. Für Schulen und Jugendeinrichtungen gibt es Workshops zu Rassismus, Identität, Geschlechterrollen, Umweltethik und interreligiösem Dialog, durchgeführt von zwei erfahrenen Workshopleitern samt Material und Technik. Fachkräfte, die sich im Umgang mit religiösen Themen unsicher fühlen, können Fortbildungen buchen, gehalten von Referenten aus islamischer Theologie, Islamwissenschaft, Geistes- und Kulturwissenschaft.
Podcast und Beiträge. Im Podcast geht es etwa um islamisches Erbe und europäisches Denken, um Philosophie, Wissenschaft und kulturelle Wirkung. Daneben erscheint eine Reihe von Textbeiträgen und die Serie sulūk, die Gelehrtenbiografien erzählt, darunter Šuhda von Bagdad und Karīma al-Marwaziyya, eine Überliefererin, deren Name bis heute eng mit dem Ṣaḥīḥ al-Buḫārī verbunden ist.
Ein Stipendium. Einmal im Jahr werden 500 Euro an junge Menschen ab der zwölften Klasse vergeben. Gefragt sind gute Leistungen und gesellschaftliches Engagement, berücksichtigt werden ausdrücklich auch sozioökonomische Umstände. Bewerbungen laufen vom 1. September bis zum 30. November.
Wer dahinter steht
Träger ist das Kompetenzzentrum für Wertekonsens e.V. mit Sitz in Berlin, vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt. Den Vorstandsvorsitz hat Abdurrahim Faruk Akten, stellvertretende Vorsitzende ist Büsra Akten.
Inhaltlich treten mehrere Gesichter regelmäßig auf. Samet Balcı, Islamwissenschaftler mit Master und Doktorand, leitet Literaturgespräche und moderiert den Podcast. Abbas Ramadan, islamischer Theologe, moderiert Veranstaltungen und schreibt Beiträge. Zu Gast waren unter anderem der Islamwissenschaftler Dr. Jens Bakker und der Qurʾānrezitator Fatih Küçük.
Das Team beschreibt sich selbst als multiprofessionell und wachsend: islamische Theologen, Pädagogen, Sozialarbeiter, Sprachexperten und Autoren. Referenten kommen über eine offene Bewerbung dazu, Ehrenamtliche über vier Wege, Mentoring für Jugendliche, Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungsorganisation und eigene Workshops im Bereich Kunst und Ästhetik. Eine bestimmte Ausbildung wird dafür nicht verlangt, wohl aber eine Haltung.
Zwei Projekte auf commonsplace
Zwei Vorhaben finanziert HIKMA derzeit über unsere Plattform. Beide zielen auf dasselbe: Wissen zugänglich machen. Nur an unterschiedlichen Enden.
Der Hikma Verlag: islamische Bildungsmedien für Kinder, Jugendliche und Familien
Wer für ein muslimisches Kind ein gutes deutschsprachiges Buch sucht, kennt das Problem. Es gibt Material, aber vieles ist entweder theologisch solide und pädagogisch trocken, oder schön gemacht und inhaltlich dünn. Übersetzungen holpern, die Lebenswelt deutscher Kinder kommt kaum vor.

Genau hier setzt der eigene Verlag an. Das Zentrum entwickelt eine neue Generation islamischer Bildungsmedien, an der Theologen, Pädagogen, Sozialarbeiter, Sprachexperten und Autoren gemeinsam arbeiten. Die Inhalte sollen fachlich fundiert, sprachlich verständlich, pädagogisch durchdacht und konsequent an den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ausgerichtet sein. Das Ziel geht über Wissen hinaus: junge Menschen sollen Orientierung, Motivation und Freude am Lernen entwickeln.

Wie groß der Bedarf ist, zeigt der Blick auf andere Häuser. Über den Astrolab Verlag haben wir schon berichtet, ebenso über Al-Sirah, ein islamisches Spiel für Kinder. Der deutschsprachige Markt wächst, aber er ist noch dünn besetzt.
Die Zielgruppe ist bewusst weit gefasst. Neben Kindern und Jugendlichen sind auch Familien, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte gemeint, also alle, die junge Menschen auf ihrem Bildungsweg begleiten. Wirkungsort ist der gesamte deutschsprachige Raum.
Die Spenden fließen in das, was ein Buch tatsächlich kostet: Recherche und Autorenhonorare, Lektorat und Korrektur, Illustration und Layout, Druck oder E-Book-Produktion, Bildrechte und Verträge, Vertrieb und Buchvorstellungen. Jede zusätzliche Unterstützung bedeutet schlicht mehr Arbeitszeit an den Inhalten und mehr Titel.
Das Zentrum selbst ordnet das Projekt als Ṣadaqa ǧāriya ein, als fortlaufende Wohltat, deren Nutzen weiterwirkt, solange das Wissen weitergegeben wird. Bei einem Buch ist dieser Gedanke besonders greifbar, denn es wird gelesen, weitergereicht und vorgelesen, lange nachdem es entstanden ist.
Stand Mitte August 2026 sind 6.070 Euro der ersten Stufe von 10.000 Euro erreicht, das Gesamtziel liegt bei 40.000 Euro. 26 Unterstützer haben bisher mitgemacht, das Projekt läuft noch rund 45 Tage.
Zum Projekt: Islamische Bildungsmedien für Kinder, Jugendliche und Familien
Bücherspenden für die kostenlose Lesebibliothek
Das zweite Projekt ist das Lesecafé, mit dem dieser Text begonnen hat. Vier Sprachen stehen in den Regalen: Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch. Die Themen reichen von Religion und Spiritualität über Geschichte und Philosophie bis zu gesellschaftlichen Fragen. Ergänzt wird der Raum durch Vorträge, Lesungen und Unterricht.

Die Begründung des Zentrums ist unaufgeregt und trifft trotzdem einen Nerv. Die Suche nach Wissen hat im Islam einen besonderen Stellenwert. Gleichzeitig bestimmen Smartphone und soziale Medien den Alltag, und es wird immer weniger gelesen. Ein offener Ort, an dem Lesen wieder selbstverständlich wird, ist die Antwort darauf.
Das Angebot ist für alle kostenlos, für Kinder und Jugendliche ebenso wie für Studenten, Familien und Ältere. Gedacht ist es als Ort zum Lesen, Lernen und Arbeiten, mit Kaffee, Tee und Gebäck.

Die Spenden gehen ausschließlich in den Aufbau und die Erweiterung der Bibliothek. Angeschafft werden soll Literatur zu Qurʾān und Tafsīr, Hadith, ʿAqīda, Fiqh, islamischer Geschichte, Philosophie, Kunst und Biografien. Wer hier gibt, kauft im Grunde ein Buch für einen Menschen, den er nie treffen wird. Das ist dem Gedanken einer Stiftung näher als einer klassischen Spende.
Stand Mitte August 2026 sind 285 Euro der ersten Stufe von 1.000 Euro zusammengekommen, das Gesamtziel liegt bei 8.000 Euro. Vier Unterstützer sind dabei, gut 43 Tage bleiben noch. Ein Teil der Summe kam über die Freitags-Sadaqah unserer Community.
Zum Projekt: Bücherspenden für unsere kostenlose Lesebibliothek
Häufige Fragen zu HIKMA
Was ist das Hikma-Zentrum in Berlin?
HIKMA ist ein Zentrum für Zeitgeist und Zeitgeschichte in Berlin-Charlottenburg. Es verbindet islamische Bildung mit den Fragen der Gegenwart und bietet Kurse, Lesezirkel, Schulworkshops, Fortbildungen, einen Podcast und ein offenes Lesecafé an. Träger ist der gemeinnützige Verein Kompetenzzentrum für Wertekonsens e.V.
Wo finde ich HIKMA und wann ist geöffnet?
Das Zentrum liegt in der Sophie-Charlotten-Straße 30 im Erdgeschoss, 14059 Berlin. Das Lesecafé ist dienstags, mittwochs und donnerstags von 12:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Das Büro ist dienstags bis freitags von 9:00 bis 16:00 Uhr erreichbar, telefonisch unter 030 3390 8767.
Was kosten die Angebote?
Das Lesecafé und die Bibliothek sind für alle kostenlos. Kurse und Veranstaltungen laufen über Anmeldung, Fortbildungen für Fachkräfte kosten 120 Euro je Unterrichtseinheit, Schulworkshops werden nach Absprache gebucht.
Wer steht hinter HIKMA?
Hinter dem Zentrum steht das Kompetenzzentrum für Wertekonsens e.V. mit Sitz in Berlin. Den Vorstandsvorsitz hat Abdurrahim Faruk Akten. Inhaltlich arbeiten unter anderem der Islamwissenschaftler Samet Balcı und der islamische Theologe Abbas Ramadan mit, dazu ein Team aus Theologen, Pädagogen, Sozialarbeitern und Autoren sowie sechs hauptamtliche Mitarbeiter.
Kann ich für HIKMA spenden und eine Spendenquittung bekommen?
Ja. Der Verein ist vom Finanzamt Berlin als gemeinnützig anerkannt und kann für Spenden Zuwendungsbestätigungen ausstellen. Das gilt auch für die beiden Projekte auf commonsplace. Neben Einzelspenden gibt es eine Fördermitgliedschaft ab fünf Euro im Monat.
Welche Bücher kommen in die Bibliothek?
Angeschafft wird Literatur in vier Sprachen, Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch, zu Qurʾān und Tafsīr, Hadith, ʿAqīda, Fiqh, islamischer Geschichte, Philosophie, Kunst und Biografien.
Selbst vorbeischauen

Am Dienstag, dem 6. Oktober 2026, öffnet HIKMA von 17:30 bis 20:00 Uhr die Türen für einen Kennenlernabend. Eingeladen sind Nachbarn, Vereine, Schulen, Initiativen und alle Interessierten. Es gibt Essen, Getränke und Gespräche, angemeldet wird sich per Mail an info@hikma-berlin.de.
Wer nicht in Berlin ist, findet das Zentrum unter hikma-berlin.de und auf Instagram unter @hikma_berlin.
Beide Projekte zeigen dieselbe Überzeugung aus zwei Richtungen. Der Verlag schafft Bücher, die es im Deutschen bisher zu selten gibt. Das Lesecafé sorgt dafür, dass Bücher tatsächlich gelesen werden. Zusammen ergibt das eine Infrastruktur für Wissen, aufgebaut von einem kleinen Team in einem Erdgeschoss in Charlottenburg.
M. Samy Adamou
M. Samy Adamou hat Public Policy, Wirtschaft und islamische Theologie studiert und ist Gründer von commonsplace. Er befasst sich mit der wirtschaftlichen Eigenständigkeit muslimischer Gemeinschaften in einem säkularen, modernen Staat.