Naskh: die Aufhebung
Eine spätere Regel hebt eine frühere auf. Seltener, als oft behauptet.
Naskh bezeichnet die Aufhebung einer früheren Regel durch eine spätere. Grundlage ist, dass der Quran über dreiundzwanzig Jahre herabkam und manches schrittweise geregelt wurde.
Woher das Wort kommt
Naskh kommt von nasacha, das sowohl abschreiben als auch tilgen bedeutet. Der aufgehobene Vers heißt mansuch, der aufhebende nasich.
Im Alltag
Der Quran nennt das Prinzip selbst: Was Wir an Versen aufheben oder in Vergessenheit geraten lassen, dafür bringen Wir Besseres oder Gleichwertiges.
Das bekannteste Beispiel ist das Berauschende. Zuerst wurde festgestellt, dass darin Nutzen und Sünde liegen und die Sünde größer ist; dann wurde das Gebet im Rausch untersagt; zuletzt kam das vollständige Verbot. Ähnlich schrittweise verlief die Regelung des Fastens. Die Absicht dahinter ist erkennbar: Eine gewachsene Gewohnheit wurde nicht mit einem Schlag umgestellt.
Über den Umfang gehen die Auffassungen weit auseinander. Ältere Gelehrte nannten mitunter Hunderte von Fällen; spätere prüften nach und kamen auf eine sehr kleine Zahl — teils weniger als zehn. Der Grund: Vieles, was früher als Aufhebung galt, erwies sich als Einschränkung, Erläuterung oder als Regel für einen anderen Fall.
Wichtig ist die Reichweite. Naskh betrifft Regeln, nicht Berichte: Eine Aussage darüber, was geschehen ist oder wie Allah ist, kann nicht aufgehoben werden. Und sie setzt voraus, dass die zeitliche Reihenfolge feststeht.
Praktisch begegnet der Begriff dort, wo jemand einen Vers mit dem Hinweis beiseiteschiebt, er sei aufgehoben. Die brauchbare Rückfrage lautet: durch welchen Vers, und wer sagt das?
Nicht zu verwechseln mit
Einem Fehler im Text. Aufgehoben wird eine Regel für eine Lage, nicht eine Aussage, die falsch gewesen wäre.
Häufige Fragen
Wie viele Verse sind aufgehoben? Die Angaben reichen von wenigen bis zu mehreren Hundert. Neuere Prüfungen kommen auf eine sehr kleine Zahl.
Kann die Sunnah den Quran aufheben? Darüber gehen die Rechtsschulen auseinander.
Stehen aufgehobene Verse noch im Quran? Ja. Der Text bleibt vollständig; aufgehoben ist gegebenenfalls die daraus abgeleitete Regel.
Quellen
- „Was Wir an Versen aufheben": Quran, Sure 2, Vers 106; Sure 16, Vers 101.
- Die schrittweise Regelung des Berauschenden: Quran, Sure 2, Vers 219; Sure 4, Vers 43; Sure 5, Vers 90.
- Zur Vertiefung: Abrogated Rulings in the Quran, Yaqeen Institute.
Verwandte Begriffe: Asbab an-Nuzul, Tafsir, Idschtihad.
Kareem C.
Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.
Fachlich geprüft
Die religiösen Angaben sind gegen SeekersGuidance und das Yaqeen Institute abgeglichen, die Hadithe mit Sammlung und Nummer belegt, und der Eintrag wurde vor der Veröffentlichung von einem Imam gegengelesen. Wo die Rechtsschulen oder die Richtungen auseinandergehen, steht das im Text.