Idschtihad, Idschma und Qiyas: wie ein Urteil entsteht
Die Werkzeuge der Rechtsfindung. Vier Quellen, in fester Rangfolge.
Idschtihad bezeichnet die eigenständige Anstrengung eines Gelehrten, ein Urteil abzuleiten. Idschma ist der Konsens der Gelehrten, Qiyas der Analogieschluss. Zusammen mit Quran und Sunnah bilden die letzten beiden die vier klassischen Quellen des Fiqh.
Woher die Worte kommen
Idschtihad kommt von dschahada, sich anstrengen — dieselbe Wurzel wie Dschihad, hier im Sinn geistiger Anstrengung. Idschma kommt von dschamaa
Im Alltag
Die Rangfolge ist fest: zuerst der Quran, dann die Sunnah, dann der Konsens, dann der Analogieschluss. Gibt es einen eindeutigen Text, wird nicht analog geschlossen.
Qiyas überträgt ein Urteil auf einen ähnlichen Fall, wenn der Grund derselbe ist. Klassisches Beispiel: Der Quran untersagt Wein; der Grund ist die berauschende Wirkung; also fällt anderes Berauschendes ebenfalls darunter. Genau darüber entstehen moderne Urteile zu Fragen, die es früher nicht gab — von Bankprodukten bis zur Organspende.
Idschma ist der Konsens. Wo er besteht, gilt eine Frage als geschlossen; über die Frage, wann genau er vorliegt, gibt es allerdings selbst unter Gelehrten Differenzen.
Zum Idschtihad ist eine bemerkenswerte Überlieferung bekannt: Wenn ein Richter urteilt und sich anstrengt und trifft das Richtige, hat er zwei Belohnungen; strengt er sich an und irrt, hat er eine. Der ehrliche Irrtum wird also nicht bestraft, sondern anerkannt. Das erklärt den Ton, in dem klassische Rechtsbücher über abweichende Meinungen sprechen.
Wer Idschtihad betreiben darf, ist an Voraussetzungen geknüpft: Arabisch, Kenntnis der Quran- und Hadithwissenschaften, der abrogierten Stellen, des Konsenses und der Grundlagen. Wer sie nicht hat, folgt einem Gelehrten — das heißt taqlid.
Nicht zu verwechseln mit
Der freien Meinung. Idschtihad ist ein Verfahren mit Regeln, nicht das Bilden einer Ansicht nach Gefühl.
Häufige Fragen
Ist das Tor des Idschtihad geschlossen? Diese Formel ist verbreitet, wird aber von vielen Gelehrten zurückgewiesen; Rechtsgutachten zu neuen Fragen entstehen laufend.
Was ist Taqlid? Das Folgen eines Gelehrten ohne eigene Ableitung. Für die meisten Menschen ist das der Normalfall.
Was sind Maslaha und Urf? Zwei weitere Erwägungen: der Gemeinwohlnutzen und die örtliche Gewohnheit. Ihr Rang wird von den Schulen unterschiedlich bewertet.
Quellen
- Der Richter mit zwei oder einer Belohnung, überliefert von Amr ibn al-As: Sahih al-Bukhari 7352.
- „Fragt die Leute der Ermahnung, wenn ihr nicht wisst": Quran, Sure 16, Vers 43.
- Zur Vertiefung: Ijtihad, Yaqeen Institute.
Verwandte Begriffe: Fiqh, Die Rechtsschulen, Fatwa.
Kareem C.
Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.
Fachlich geprüft
Die religiösen Angaben sind gegen SeekersGuidance und das Yaqeen Institute abgeglichen, die Hadithe mit Sammlung und Nummer belegt, und der Eintrag wurde vor der Veröffentlichung von einem Imam gegengelesen. Wo die Rechtsschulen auseinandergehen, steht das im Text.