Sadaka Taşı: der Spendenstein
Eine Steinsäule mit einer Mulde. Geben und Nehmen, ohne dass sich beide begegnen.
Ein Sadaka Taşı ist eine Steinsäule mit einer Mulde an der Oberseite, in die Geld für Bedürftige gelegt wurde. Wer geben wollte, legte hinein; wer in Not war, nahm heraus. Beide begegneten einander nicht.
Woher das Wort kommt
Sadaka ist die türkische Form von Sadaqah, der freiwilligen Gabe. Taşı heißt Stein. Wörtlich also: Spendenstein. Im Deutschen ist der Begriff kaum bekannt, obwohl die Einrichtung über Jahrhunderte in vielen Städten stand.
Wie er funktionierte
Die Steine sind meist schulterhohe Säulen aus Marmor oder Granit, häufig aus antiken Säulen umgearbeitet, mit einer eingetieften Mulde oben. Daneben gibt es sie auch als Nische in einer Mauer.
Der Ablauf war denkbar einfach:
- Wer geben wollte, legte im Vorbeigehen Münzen in die Mulde.
- Wer bedürftig war, nahm sich so viel, wie er brauchte.
- Der Rest blieb liegen, für den Nächsten.
Weil die Mulde tief war und über Augenhöhe lag, sah niemand von außen, wie viel darin war. Der Gebende erfuhr nicht, wem er half. Der Nehmende musste nicht bitten und sich nicht erklären. Genau darum ging es: dem Empfangen die Beschämung zu nehmen und dem Geben die Zurschaustellung.
Wo sie stehen
Die Einrichtung wird bis in die Zeit der Seldschuken zurückgeführt und breitete sich unter den Osmanen aus. Aufgestellt wurden die Steine dort, wo Bedürftige ohne Umweg hinkamen: an Moscheen, an Brunnen, an Brücken, bei Krankenhäusern und Pflegehäusern, und an belebten Straßenecken.
In Istanbul soll es einmal rund 160 davon gegeben haben. Der bekannteste steht bis heute vor der İmrahor-Moschee in Üsküdar, aus rotem Granit gearbeitet und von der Bezirksverwaltung unter Schutz gestellt. Spuren finden sich außerdem in Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien, Tunesien und Algerien, also überall dort, wo osmanische Verwaltung bestand.
In den letzten Jahren haben einzelne Gemeinden die Einrichtung wieder aufgestellt.
Nicht zu verwechseln mit
Der Spendenbüchse in der Moschee. Diese sammelt für die Gemeinde und wird von ihr verwaltet. Beim Sadaka Taşı gab es keine Verwaltung dazwischen, das Geld ging unmittelbar von Hand zu Hand, ohne dass die Hände sich sahen.
Häufige Fragen
Warum eine Säule und keine Kiste? Die Höhe war der Zweck. Nur wer sie brauchte, griff hinein, und niemand konnte von außen sehen, wie viel darin lag.
Wurde das nicht ausgenutzt? Die Einrichtung setzte darauf, dass sich Menschen nehmen, was sie brauchen. Dass sie Jahrhunderte bestand, spricht dafür, dass es überwiegend getragen hat.
Gibt es so etwas heute? In abgewandelter Form: Kühlschränke vor Läden, Regale in Moscheen, Bezahlkarten, die jemand hinterlegt. Das Prinzip ist dasselbe.
Was das mit commonsplace zu tun hat
Der Sadaka Taşı löste zwei Probleme auf einmal: Der Gebende musste nicht auftreten, und der Nehmende musste nicht bitten. Beides ist heute schwieriger geworden, weil zwischen beiden meist eine Organisation steht.
Genau daran arbeiten wir bei commonsplace: Auf jeder Projektseite steht nachprüfbar, wer dahintersteht und wofür das Geld gebraucht wird, und wer gibt, muss dafür nicht sichtbar werden. Wie die einzelnen Spendenformen zusammenhängen, steht in unserem Beitrag Spenden im Islam.
Quellen
- Herkunft, Verbreitung und Bauform: Sadaka taşı, türkischsprachige Wikipedia.
- Offenes und verborgenes Geben nebeneinander: Quran, Sure 2, Vers 271; ein freundliches Wort besser als eine Gabe mit Kränkung: Sure 2, Vers 263.
- Der, dessen linke Hand nicht weiß, was die rechte gab, unter den sieben im Schatten: Sahih al-Bukhari 660.
- Zur Vertiefung: Islamic Civilization, Yaqeen Institute.
Kareem C.
Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.