Zawiya: der Ort der Einkehr
Ein Ort für Unterricht, Dhikr und Gastfreundschaft. Im Maghreb bis heute verbreitet.
Eine Zawiya ist ein Haus, in dem sich eine Gemeinschaft um einen Lehrer versammelt: für Unterricht, Dhikr, gemeinsames Essen und die Aufnahme von Reisenden. Verbreitet ist die Einrichtung vor allem im Maghreb und in Westafrika.
Woher das Wort kommt
Zawiya heißt wörtlich Ecke oder Winkel. Der Name geht darauf zurück, dass sich solche Kreise ursprünglich in einer Ecke der Moschee trafen. Im Osten heißen vergleichbare Häuser Tekke oder Chanqah.
Im Alltag
Historisch waren Zawiyas mehr als geistliche Zentren. Sie unterhielten Schulen, versorgten Reisende und Bedürftige, vermittelten in Streitigkeiten zwischen Stämmen und betrieben Landwirtschaft. In Algerien und Marokko waren sie über Jahrhunderte die tragende Struktur des ländlichen Bildungswesens, oft als Waqf ausgestattet.
In der Kolonialzeit wurden viele von ihnen enteignet oder zerschlagen, weil sie als Zentren des Widerstands galten. Wie tief dieser Einschnitt reichte, haben wir am algerischen Beispiel beschrieben: Waqf: Wie eine islamische Stiftung ein halbes Land trug.
In Deutschland gibt es Gemeinden mit dieser Prägung vor allem dort, wo Familien aus Marokko, Algerien oder Senegal leben. Wer aus einer solchen Tradition kommt, kennt die Zawiya als den Ort, an dem der Großvater lesen gelernt hat.
Nicht zu verwechseln mit
Der Moschee. In einer Zawiya wird auch gebetet, aber ihr Kern ist die Gemeinschaft um einen Lehrer und die Gastfreundschaft.
Häufige Fragen
Ist eine Zawiya immer sufisch geprägt? Meist ja, historisch waren sie eng mit den Bruderschaften verbunden. Der Begriff selbst sagt darüber nichts.
Was geschieht dort? Unterricht, gemeinsames Dhikr, Aufnahme von Gästen, Speisung, mancherorts Streitschlichtung.
Gibt es das in Deutschland? Einzelne Gemeinden führen diesen Namen. Häufiger begegnet die Sache ohne den Namen: ein Kreis, der sich regelmäßig um einen Lehrer trifft.
Quellen
- Zur Grundlage des Stiftungswesens, das solche Häuser trug: Sahih al-Bukhari 2737.
- „Die Seelen sind wie aufgestellte Truppen: Die einander gleichen, finden zueinander": Sahih al-Bukhari 3336.
Kareem C.
Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.
Fachlich geprüft
Die religiösen Angaben sind gegen SeekersGuidance abgeglichen, die Hadithe mit Sammlung und Nummer belegt, und der Eintrag wurde vor der Veröffentlichung von einem Imam gegengelesen. Wo die Rechtsschulen auseinandergehen, steht das im Text.