Anonym spenden im Islam: erlaubt, empfohlen, und wie es praktisch geht
Verborgen zu geben gilt im Islam als das höhere Geben. Was das für Sadaqah und Zakat heißt, was in Deutschland praktisch geht und was der osmanische Spendenstein damit zu tun hat.
Anonym spenden ist im Islam erlaubt und gilt als das höhere Geben. Der Quran nennt offenes Geben gut und verborgenes Geben besser. Schwieriger als die religiöse Frage ist die praktische: Gegenüber wem genau will man anonym bleiben?
Kurzantwort
- Ist es erlaubt? Ja. Quran 2:271 bewertet verborgenes Geben höher als offenes.
- Gilt das auch für Zakat? Ja. Bedingung ist allein, dass sie einen der acht Empfängerkreise erreicht.
- Geht das in Deutschland? Gegenüber dem Empfänger und der Öffentlichkeit fast immer. Gegenüber der Organisation nur, wenn sie einen Weg dafür anbietet. Gegenüber dem Finanzamt nur um den Preis der Spendenbescheinigung.
- Und die Bescheinigung? Sie läuft auf einen Namen. Wer sie braucht, kann nicht gleichzeitig gegenüber dem Finanzamt anonym bleiben.
Was der Quran dazu sagt
Die Stelle, auf die sich alles Weitere stützt, steht in Sure 2:
Wenn ihr Almosen offen zeigt, so ist es trefflich. Wenn ihr sie aber verbergt und den Armen gebt, so ist es besser für euch.
Quran 2:271
Zwei Dinge stehen darin, und beide sind wichtig. Offen zu geben ist nicht falsch, es heißt ausdrücklich trefflich. Verborgen zu geben ist die höhere Stufe. Es ist also keine Regel, an der man scheitern kann, sondern eine Rangfolge.
Wenige Verse vorher steht, woran offenes Geben scheitern kann: an der Gabe, die dem Empfänger hinterhergetragen wird. Ein freundliches Wort ist dann besser als eine Gabe, auf die eine Kränkung folgt (Quran 2:263). Und die Gabe, die man gibt, „um von den Menschen gesehen zu werden", verliert nach 2:264 ihren Wert. Dieses Sichtbarmachen der eigenen Frömmigkeit hat einen eigenen Begriff: Riya.
Die linke Hand, die nicht weiß, was die rechte gibt
Der bekannteste Beleg ist ein Hadith über sieben Menschen, denen Allah an einem Tag ohne Schatten Schatten gibt. Einer davon ist
ein Mann, der so verborgen gibt, dass seine linke Hand nicht weiß, was seine rechte gegeben hat.
Sahih al-Bukhari 660
Das Bild ist absichtlich übertrieben. Nicht einmal die eigene andere Hand soll es mitbekommen. Traditionell wird es weniger als Anweisung zur Geheimhaltung nach außen gelesen als im Zusammenhang mit Ikhlas, der Aufrichtigkeit, und der Niyyah, der Absicht vor der Tat. Der Hadith selbst spricht allerdings nur vom Verbergen, nicht vom Nichtzählen.
Gegenüber wem will ich anonym bleiben?
Das ist die Frage, an der sich in der Praxis alles entscheidet. „Anonym" ist kein Zustand, sondern eine Reihe getrennter Fragen:
| Gegenüber | Möglich? | Was zu beachten ist |
|---|---|---|
| dem Empfänger | fast immer | Wer über eine Organisation gibt, erfährt ohnehin nicht, wer das Geld erhält, und umgekehrt. |
| der Öffentlichkeit | ja | Keine Nennung in Spenderlisten, Jahresberichten oder auf der Projektseite. Genügt eine Bitte. |
| der Organisation | kommt darauf an | Sie muss ihre Einnahmen aufzeichnen (§ 63 Abs. 3 AO). Ob sie einen anonymen Weg anbietet, ist eine Frage an sie. |
| dem Zahlungsdienstleister | nein bei Karte und Überweisung | Bargeld hinterlässt keine Zahlungsspur, digitale Wege regelmäßig schon. |
| dem Finanzamt | ja, aber | Dann gibt es keine Spendenbescheinigung und keinen Abzug. |
Wer nicht genannt werden will, sagt das der Organisation. Das ist üblich und wird ohne Rückfrage gemacht. Wer auch ihr gegenüber anonym bleiben möchte, fragt vorher nach, welche Wege sie dafür anbietet.
Sadaqah oder Zakat: macht das einen Unterschied?
Für die Anonymität selbst kaum, für die Bedingungen drumherum schon.
| Sadaqah | Zakat | |
|---|---|---|
| Art | freiwillig | Pflichtabgabe ab der Nisab-Schwelle |
| Anonym möglich | ja | ja |
| Empfänger | frei wählbar | einer der acht Kreise |
| Was anonym zusätzlich verlangt | nichts | Gewissheit, dass die Empfängergruppe stimmt, also eine Organisation, die Zakat gesondert führt |
| Dank an den Geber | üblich | nicht geschuldet, es ist ein Anspruch des Empfängers |
Bei der Zakat spricht sogar etwas für die Anonymität: Weil sie keine Gabe aus Großzügigkeit ist, sondern ein Anteil, der dem Empfänger zusteht, entsteht ohne Namen auch keine Schuldbeziehung.
Der Stein, der beide Seiten schützte
Aus dieser Haltung ist etwas Gebautes geworden. Der Sadaka Taşı schützte nicht nur den Gebenden vor der Zurschaustellung, sondern vor allem den Nehmenden vor der Beschämung.
Es waren Steinsäulen mit einer Mulde an der Oberseite, meist aus umgearbeiteten antiken Säulen, aufgestellt an Moscheen, Brunnen, Brücken und Krankenhäusern. Wer geben wollte, legte im Vorbeigehen hinein. Wer in Not war, nahm heraus. Weil die Mulde hoch lag, sah niemand von außen, wie viel darin war.
Der Nehmende musste nicht bitten, sich nicht erklären, nicht danken und nicht ertragen, dass ihm später jemand auf der Straße begegnet, der weiß, wie es um ihn steht. Nach türkischen Angaben soll es in Istanbul einmal rund hundertsechzig dieser Steine gegeben haben; der bekannteste steht bis heute aus rotem Granit vor der İmrahor-Moschee in Üsküdar.
Dieselbe Lösung, tausend Jahre früher
Ein ähnlicher Aufbau existierte schon im Zweiten Tempel in Jerusalem. Die Mischna nennt ihn die Kammer der Verschwiegenen:
In der Kammer der verborgenen Gaben legten gottesfürchtige Menschen im Verborgenen Geld hinein, und Verarmte aus angesehenen Familien erhielten sich daraus im Verborgenen.
Mischna Schekalim 5,6
Dasselbe Bild von der einen Hand, die nicht weiß, was die andere tut, steht außerdem in der Bergpredigt (Matthäus 6,3).
Ob zwischen diesen Einrichtungen eine Linie verläuft, lässt sich aus der Ähnlichkeit allein nicht schließen. Naheliegend ist eine einfachere Lesart: Das Problem ist überall dasselbe. Wer gibt, gerät in Versuchung, gesehen zu werden. Wer nimmt, gerät in Gefahr, beschämt zu werden. Wo Menschen das ernst genommen haben, sind sie auf ähnliche Lösungen gekommen.
Warum der Stein trotzdem nicht das Beste ist
Maimonides, der jüdische Gelehrte des zwölften Jahrhunderts, der in Córdoba geboren wurde und später in Kairo lebte, hat das Geben in acht Stufen geordnet. Das anonyme Geben, bei dem keiner den anderen kennt, steht bei ihm auf der zweithöchsten Stufe, und er nennt als Beispiel genau jene Tempelkammer.
Ganz oben steht bei ihm etwas anderes: jemanden durch ein Darlehen, eine Teilhaberschaft oder Arbeit so weit zu bringen, dass er nicht mehr nehmen muss.
Der Zakat ist dieser Gedanke nicht fremd. Sie ist an acht Empfängerkreise gebunden, zu denen auch der Verschuldete und der Reisende in Not gehören, also Lagen, aus denen man wieder herauskommen soll. Überliefert ist aus der Zeit von Umar ibn Abd al-Aziz, dass Statthalter keine Empfänger mehr fanden und beim Kalifen nachfragten, wohin mit dem Geld.
Der Spendenstein ist also nicht das Optimum. Er ist die beste Antwort auf eine Not, die noch besteht. Das Optimum ist, dass niemand mehr zum Stein muss.
Heißt das, offen spenden ist schlechter?
Nein, und der Quran sagt das selbst. Es gibt Lagen, in denen das Offene sinnvoller ist:
- Wenn andere mitziehen sollen. Ein Moscheebau, eine Nothilfe nach einem Erdbeben, ein Brunnen: Wer als Erster gibt und dazu steht, macht es den Nächsten leichter.
- Wenn Rechenschaft dazugehört. Gemeinnützige Körperschaften müssen über ihre Einnahmen und Ausgaben ordnungsmäßige Aufzeichnungen führen (§ 63 Abs. 3 AO). Das ist keine Pflicht, Spendernamen zu veröffentlichen, wohl aber ein Grund, warum Bareinwürfe ohne Zuordnung die Buchführung erschweren.
- Wenn eine Bescheinigung gebraucht wird. Dazu gleich mehr.
Die Unterscheidung ist also nicht offen gegen verborgen, sondern: Wem dient die Sichtbarkeit? Dient sie der Sache, ist sie gut. Dient sie dem eigenen Ansehen, ist genau das gemeint, wovor 2:264 warnt.
Was Anonymität steuerlich kostet
Spenden an gemeinnützige Empfänger sind nach § 10b EStG absetzbar, aber nur mit Nachweis. § 50 EStDV nennt dafür mehrere Wege:
- Der Regelfall: eine Zuwendungsbestätigung nach amtlichem Muster, ausgestellt vom Empfänger. Sie läuft auf einen Namen.
- Bis 300 Euro je Zuwendung: es genügt der Bareinzahlungsbeleg oder die Buchungsbestätigung des Kreditinstituts (§ 50 Abs. 4 EStDV). Auch daraus müssen aber Name und Kontonummer oder ein sonstiges Identifizierungsmerkmal des Auftraggebers und des Empfängers hervorgehen.
- Bei Katastrophenhilfe auf ein eingerichtetes Sonderkonto gilt dieselbe vereinfachte Form ohne Betragsgrenze.
Wer Bargeld in eine Box legt, hat keinen dieser Nachweise und kann nichts absetzen. Das ist kein Fehler im System, sondern die Kehrseite: Ohne Zuordnung keine Bestätigung.
Der brauchbare Mittelweg ist die Trennung aus der Tabelle oben. Gegenüber dem Finanzamt und der Organisation mit Namen, gegenüber Empfänger und Öffentlichkeit nicht. Steuerlich zählt der Beleg, religiös zählt die Absicht, und die beiden stehen sich nicht im Weg.
Dieser Abschnitt gibt den Stand der genannten Vorschriften wieder und ersetzt keine steuerliche Beratung im Einzelfall.
Wie commonsplace damit umgeht
Auf commonsplace gilt Folgendes:
- Wer gibt, erscheint auf Wunsch in keiner öffentlichen Liste und auf keiner Projektseite.
- Für die Abwicklung und für die Spendenbescheinigung liegen Name und Kontaktdaten der Plattform beziehungsweise dem Projektträger vor. Vollständig anonym gegenüber der Plattform ist eine Zahlung über Karte oder Überweisung nicht.
- Auf jeder Projektseite steht nachprüfbar, wer dahintersteht und wofür das Geld gebraucht wird.
Die Nachprüfbarkeit liegt damit bei dem, der nimmt, nicht bei dem, der gibt.
Häufige Fragen
Ist eine anonyme Spende weniger wert, weil das Finanzamt sie kennt?
Nein. Der Vers spricht davon, sie vor den Menschen zu verbergen, nicht vor einer Verwaltung. Eine Buchung ist keine Zurschaustellung.
Kann ich anonym spenden und trotzdem eine Spendenbescheinigung bekommen?
Gegenüber Empfänger und Öffentlichkeit ja, gegenüber der ausstellenden Organisation nein. Die Bescheinigung setzt voraus, dass sie weiß, wem sie sie ausstellt.
Kann ich Zakat über eine Organisation geben, ohne dass der Empfänger meinen Namen kennt?
Ja, das ist der Normalfall. Wichtig ist nur, dass die Organisation Zakat gesondert führt und an die dafür vorgesehenen Empfängerkreise weitergibt. Danach kann man fragen.
Darf eine Moschee eine anonyme Bargeldspende annehmen?
Ja. Sie muss den Betrag als Einnahme verbuchen, aber sie muss nicht wissen, von wem er stammt. Eine Bescheinigung kann sie dafür nicht ausstellen.
Was ist mit einem Brunnen oder einer Moschee, wo ein Name auf dem Schild steht?
Das ist eine andere Sache. Bei einer Sadaqah Jariyah im Namen eines Verstorbenen dient der Name nicht dem Ansehen des Gebers, sondern dem Gedenken. Wer für sich selbst kein Schild will, kann es weglassen.
Kann ich anonym spenden und trotzdem erfahren, was daraus wurde?
Ja. Der Bericht über ein Projekt hängt nicht daran, ob der Name veröffentlicht wird.
Gibt es den Sadaka Taşı noch?
Einzelne Steine stehen noch, der bekannteste vor der İmrahor-Moschee in Üsküdar. Die heutige Entsprechung sind Kühlschränke vor Läden, Regale in Moscheen und hinterlegte Bezahlkarten.
Quellen
- Offenes und verborgenes Geben nebeneinander: Quran 2:271; die Gabe, der eine Kränkung folgt: 2:263; das Geben, um gesehen zu werden: 2:264.
- Die sieben im Schatten, darunter der verborgen Gebende: Sahih al-Bukhari 660.
- Herkunft, Verbreitung und Bauform des Spendensteins sowie die Zahl für Istanbul: Sadaka taşı, türkischsprachige Wikipedia.
- Die Kammer der verborgenen Gaben: Mischna Schekalim 5,6.
- Die acht Stufen des Gebens: Maimonides, Mischne Tora, Hilchot Mattenot Anijim 10,7 und 10,8.
- Abzug und Nachweis von Zuwendungen: § 10b EStG und § 50 EStDV.
- Aufzeichnungspflicht gemeinnütziger Körperschaften: § 63 Abs. 3 AO.
Kareem C.
Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.